Vom Mensch zur Beat Maschine in 90 Minuten

Eine Überraschung am 3. Festivaltag: Statt mit Klangrobotern wartet der experimentierfreudige #bebeethoven-Fellow Koka Nikoladze mit sich selbst als Beat Machine auf. 

Er hat ja alles versucht. Nachdem Koka Nikoladze vor zwei Jahren sein #bebeethoven-Fellowship erhalten hatte, versuchte er wirklich, dem Meister zu gefallen. Dem Geist des Meisters, freilich. Und weil der damals wie heute ein wenig unberechenbar scheint und darüber hinaus seit 1827 schweigt, versuchte der in Norwegen lebende Georgier mit allen Mitteln, einfach einmal persönlich mit Ludwig van Beethoven ins Gespräch zu kommen. Lass doch die Toten ruhen, sagte ihm eine Schamanin, ein Medium versuchte sich an einer fruchtlosen Scéance. Koka durchstieg satanische Messen im Berliner Kanalsystem und Pilztrips in Oslo. Und Beethoven? Schwieg. 

Immerhin: Der Komponist und Tüftler Koka Nikoladze hat beim Versuch, dem alten Ludwig zu gefallen, auch ein neues System zum Live-Komponieren erfunden – das KOI, „Koka‘s Orchestra Interface“, dessen interaktive Notenständer die Partitur in Echtzeit an die Musiker*innen vermitteln können, und eine Technik zur Koordinierung von Musiker*innen über In-Ear-Kopfhörer. Die Entwicklung von einzigartigen Technologien, die Musik ad hoc verändern, treibt den Künstler an wie die Sprungfeder eine halbvolle Cola-Flasche bei einer seiner kultigen Beat Machines. Nun, am Ende seines Fellowships, entdeckte Nikoladze schließlich eines: Eigentlich wollte er, der klassisch ausgebildete Violinist aus Tiflis, nie etwas anderes machen als – georgischen Rap! Beethoven mag schweigen, die Pointe hätte er aber wahrscheinlich lachend abgenickt.

Die Beat Machines, die dem Abend den Namen geben, bleiben am dritten Tag des PODIUM Festivals im Koffer. Mit diesen kleinen Klangapparaten, zusammengesetzt aus Fundstücken aus Haushalt, von der Straße und feinster Bastelmarkt-Technik, sorgte Nikoladze für Aufsehen auch weit außerhalb der Musik-Szene, eine der Maschinen steht mittlerweile etwa im Pop-Museum von Oslo. Für das Konzert im KOMMA Esslingen ist die Beat Maschine eine andere, nämlich: Koka Nikoladze selbst. Denn seine neueste Spielerei ist ein Video-Sampler, mit dem er sich selbst auf einer Leinwand steuern kann: Vorab eingespielt sind Clips mit analog erstellten Beats – Sprühstöße von Deo-Dosen, Klopfen auf Bleche, zusammenklappende Bücher, die er zu hochgradig ansteckenden Grooves zusammenschraubt. Über die dann: Rap auf Georgisch, dessen Cleverness sich auch nicht-georgischsprachigen Hörer*innen deutlich darstellt. 

Den Abend eröffnete aber „Clickscore“, ein Stück für acht Schlagwerker(*innen – für diesen Auftritt wählte Koka Nikoladze acht Männer aus), die mit dem Aufführungsort und seiner Materialität experimentieren. Schon am Vortag sorgte die Truppe in der Esslinger Innenstadt für Aufsehen, als die Musiker, scheinbar spontan und unverbunden in der Stadt verteilt, auf Laternenpfosten, Fahrradständer und Kanaldeckel einzuschlagen begannen. Dabei sind die acht über kleine Knöpfe im Ohr verbunden, Koka Nikoladze steuert sie mit einem Sampler, so dass die Hörenden, durch die sich die Schlagwerker bewegten, immersiv umgeben sind von einem sich immer dichter zeigenden Rhythmus.

Ein wenig überraschend, also, der Abend, der mit Beat Machines angekündigt war und als avantgardistische Rap-Show mit Rhythmus-Avatar endete – nicht weniger begeisternd dennoch. Beethoven, man ahnt es, hätte Koka Nikoladze ähnlich ins Herz geschlossen wie das Publikum an diesem Abend.

Fotos: ⓒ Christoph Püschner

Top
X