„Vergesst nicht eure Revolution!“

Der Geist von Beethoven bespukt seine Nachfolger*innen: Mit der großen Abschlussgala des #bebeethoven-Projekts in Esslingen endet auch ein denkwürdiges PODIUM 2020.

Wir können es selbst kaum glauben: Mit einem halben Jahr Verzögerung, reduziertem Programm, noch mehr (und diesmal viel spontaner reagierend) reduziertem Programm, begrenztem Einlass und einem Publikum, das sich sehr diszipliniert an unsere Hygiene-Regeln gehalten hat – wir haben ein PODIUM gemacht, in diesem verflixten Jahr 2020! Ein besonderes. Ein rundes. Die Gala am Ende haben sich also alle verdient. 

Mit dem Abschlusskonzert ging in diesem Jahr nicht nur das PODIUM zu Ende – Esslingen verabschiedete sich nicht bloß von der diesjährigen Ausgabe, sondern auch von den zwölf #bebeethoven-Fellows, die in den vergangenen Jahren immer wieder die Stadt besucht und mit ihren musikalischen Positionen auch geprägt haben – man denke etwa an Inigo Giner Mirandas Konzert in der Halle der Bechtle-Druckerei oder das gewaltige Radioteleskop für den Empfang von Signalen aus dem Weltall, dass das Duo Quadrature vor der Stadtkirche aufstellen ließ. 

Heute Abend traten viele von ihnen noch einmal zum Abschlusskonzert im Neckar Forum auf – andere, die aufgrund der Umstände nicht kommen können, mussten ihre Projekte in kunstvollen Videos zum Erklingen bringen. Und dann gab es noch Besuch von einem immateriellen Stargast: Der Geist Beethovens führte per Videoeinblendungen durch die 90 Minuten Programm. Visualisiert von Filmemacherin Eni Brandner, eingesprochen von Sarah Scherer, ist der Beethoven des Schweizer Schriftsteller Jürg Halter, dessen bisher erschienener Gedichtband und Roman jeweils von der Kritik gefeiert wurden, ein dreister Kobold, ein Pumuckl des Überdrusses am Klassikbetrieb, der eigentlich kaum erwarten kann, künstlerisch überholt zu werden von einer drängenden Gegenwart. Armer Geist von Beethoven, man wünscht ihm nach diesem Abend ein paar Jahrhunderte Ruhe!

Die preisgekrönte Opernregisseurin Anna Drescher führte Regie bei dieser Gala, die multimediale Elemente und Live-Stücke verband. Um es vorweg zu sagen: Viele multimediale Elemente – die zweite Corona-Welle hat das Reisen der Künstler*innen zu einer derart unsicheren Angelegenheit gemacht, dass viele Fellows nur im Video vorgestellt werden konnten. Immerhin sind diese Stücke großartig. Beat-Bastler Koka Nikoladze wird zu Scéancen begleitet, Tonmeister Johann Günther in einem Bildrausch aus einem surreal verstopften Berlin vorgestellt, Michael Rauter in einem verstörend komischen Videoclip seiner Performance THE GAP. Die in Literaturkreisen legendären experimentellen Video-Porträts des Bachmann-Preises bekommen hier ernsthaft Konkurrenz, imaginiert und umgesetzt vom Berliner Filmemacher Matthias Heuermann.

Den Abend eröffnen aber Live-Stücke – nach einem Fazit vom künstlerischen Leiter des PODIUM, Steven Walter, dem man die Erleichterung nach einem Festival anmerkt, bei dem business as usual nicht funktionierte, das aber dann eben doch großartig funktionierte, wird das Publikum mit – zum ersten Mal bei diesem PODIUM 2020 – einem ganz und gar unberührten Beethoven-Original, einem Auszug aus dem Klaviertrio Nr. 3, in den Abend geleitet, ehe ein Sextett ein Stück des Postminimalisten David Lang darbietet, das die beschwingte Stimmung gleich ins Geisterhafte setzte. Große Bühnenkunst, wie plötzlich der Geist von Beethoven in Langs Loops fährt, aus allen Ecken schießt es. 

Nach Stücken von Kaan Bulak und Elina Albach, Mathias Halvorsens „Well-Prepared Piano“ und Elshan Ghasimis großartigem Auftritt an der Tar, die den post-eurozentrischen Ansatz von #bebeethoven-Fellow Elisa Erkelenz in Esslingen vertrat, blieb das Finale dem gleichen Kreis überlassen wie der Beginn des Festivals: Das STEGREIF.orchester führte einen Auszug aus seinem in der letzten Woche euphorisch gefeierten Stück #bfree auf, Beethovens Neunte im Schnelldurchlauf mit postmodern montierten Traditionals – ein Ritt, ein würdiger Abschluss. 

Ganz ausspannen können Team und Künstler*innen nach dem PODIUM aber nicht – schon zwei Tage später, am 17.10., steht das Eröffnungskonzert der Abschlussreihe der #bebeethoven-Fellowship in Bonn statt, wo bis zum 24. Oktober alle zwölf Fellows – sofern die Umstände keinen Strich durch die Rechnung machen – sich im Rahmen des Beethoven-Jubiläums BTHVN2020 präsentieren. Hier ist der dreiste Geist Beethovens dann einmal im Vorteil: Müdigkeit und Jetlag plagen das Feinstoffliche bekanntermaßen selten. „Vergesst nicht eure Revolution“, ruft er den Künstler*innen zum Abschied zu – wir ahnen, sie werden es auch weitab des Neckar Forums wahrgenommen haben. 

Foto: ⓒ Christoph Püschner

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