Rationalisierter Ennui

Die Musiktheaterproduktion „ZauberBurg“ verbindet Motive aus Thomas Manns „Der Zauberberg“ mit Diskursen um die Wirtschaftlichkeit von Gesundheit und Heilung.

Jede Krankenhausnotaufnahme hat einen Platz für die Triage. Aufgefallen ist das vor dem Frühjahr 2020 den wenigsten, beunruhigend klingt das Wort nun auch nicht wirklich. Seit den Horrornachrichten aus Bergamo und ganz Norditalien aber wissen wir, was Triage im Extremfall bedeutet: Die Auswahl, welchen Patient*innen die knappen Ressourcen zukommen, wenn zu viele auf einmal eintreffen, um alle zu versorgen. Im Krieg, bei Katastrophen, eben auch: bei voll grassierenden Pandemien. Wer bekommt das Bett, wer bekommt das Heilmittel, wer bekommt das Beatmungsgerät? Und wer muss ziemlich sicher sterben, bei wem entscheiden sich Ärzt*innen gegen die Behandlung? 

Als die Macher*innen das Konzept des komplexen Musiktheaters „ZauberBurg“ entwarfen, spielte der Begriff noch keine Rolle – glücklicherweise spielte er die im bisherigen Verlauf der Corona-Pandemie in Deutschland auch weiterhin nicht. Dennoch erscheinen die Fragen, die Jeffrey Döring als Autor und Regisseur aufwirft und assoziativ erkundet, heute noch einmal aktueller: Was ist ein Menschenleben wert? Und wer ist mehr wert als jemand anderes? 

In „ZauberBurg“ wird das Publikum in eine Welt geworfen, die das Szenario, die Stimmung in Thomas Manns Zauberberg von 1924 mit dem gegenwärtigen Rationalisierungsdruck der wirtschaftlich geführten Krankenhäuser verbindet: Das Krankenhaus als industrieller Ort der Gesundheitsproduktion. Wo Hans Castorp sich im Entfalten des Ersten Weltkriegs dem süßen Ennui der Schwindsuchtstherapie auf Sonnenliegen im Schweizer Hochgebirge hingibt, wird Patientin Stöhr im Esslinger Gemeindehaus am Blarerplatz in ihrem Zimmer beständig überwacht, aufgezeichnet, vermessen. Abgeschnitten von der Welt erscheinen beide, und doch legt die Realität ihre kalten Finger in beider Wunden.

Vom reinen Rohstoff-Wert gedacht, der Menge an Chemikalien, die einen Körper von 100 Kilogramm Gewicht bilden, ist ein Mensch 1022 Euro wert, doziert der Chefarzt Dr. Behrens der „ZauberBurg“, gemessen an der Summe aller Schmerzensgelder für den Verlust von Körperteilen hingegen viele Millionen. Wie sollte man es anders messen? Basis des Stücks sind Interviews, die das „ZauberBurg“-Team im Verlauf der 18-monatigen Produktion mit Mitgliedern des musikalischen Kooperationspartners, des Esslinger Vocalensembles, führte, sowie Expert*innen-Interviews mit im Medizinsektor Tätigen aus Esslingen. Was Krankheit bedeutet, was Gesundheit, erläutern die. Aber auch: Wann kann eine Organtransplantation ethisch wie ökonomisch vertreten werden? Das Vocalensemble kann dabei nicht live auftreten, sondern muss aus Gründen des Infektionsschutzes eingespielt werden – wobei die Produktion es schafft, die neuen Produktionsbedingungen nonchalant ins Spiel einzuführen. Medizinische Masken und Sicherheitsabstand zwischen Ärzt*innen und Patient*innen passen nun einmal bestens in diese Tage.

Auch die verschiedenen Positionen werden per O-Ton-Einspieler eingeführt und von Schauspieler Konstantin Bez in seiner Rolle als mehr und mehr am System zweifelnder, es dennoch affirmativ verteidigender Chefarzt der „ZauberBurg“ kommentiert. Die eigentliche Hauptrolle haben jedoch die Musiker*innen im weißen Kittel – und Sopranistin Lisa Ströckens in ihrer Rolle als aufsässige, hinterfragende Patientin. Mit beeindruckender Stimmvielfalt greift sie die Komposition des Jazz-Schlagzeugers und Komponisten Neuer Musik Max Andrzejewski auf, schlägt nach oben und unten aus wie eine Fieberkurve, singt über nervös schießende Streicher und den bebenden Groove des Herzschlags der Schlagwerkerin Maria Schneider, singt Texte von Thomas Mann und greift Interviewpassagen auf. 

Am Ende muss der Arzt von der Bühne getragen werden. Wer ist hier noch einmal krank, wer gesund, und heilt nicht doch am Ende einzig die Liebe? Einfache Antworten liefert das Stück nicht, wenn auch die Positionen manchmal ein wenig zu deutlich verteilt und gezeichnet sind – die Kritik am Gesundheitssystem, die Döring entwirft, auch die könnte vielschichtiger sein, ohne an Schlagkraft zu verlieren. So verzwickt die Entscheidung realer Ärzt*innen bei der Triage sein mag, so gnadenlos einfach ihr Ergebnis – die Komplexität und Klaustrophobie der Krankenhausökonomie spiegelt sich in den komplexen Strömen von Andrzejewskis Musik deutlicher als in den Texten. Sie entlässt das Publikum verwirrt und mit Maske über Mund und Nase in eine Welt, in der die Themen der „ZauberBurg“ überdeutlich in der Luft liegen.

Foto: ⓒ Christoph Püschner

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