Musiktradition durcheinanderwirbeln

Das STEGREIF.orchester eröffnet das PODIUM Esslingen mit „#bfree“ – einer europäischen Version von Beethovens 9. Sinfonie.

Europa. Sicher, da gab es vielleicht ein paar Konflikte, über die Jahrhunderte, aber eigentlich haben wir uns doch daran gewöhnt, die Geschichte unseres Kontinents als eine von Frieden und Grenzenlosigkeit zu erzählen. „Europa endlos“, hieß das einmal bei den Musikinnovatoren Kraftwerk: Etwas monoton, vielleicht, aber eine glückliche Heimstatt. Doch das Europa der Grenzenlosigkeit, es verschwindet. Zuerst an den Außengrenzen der EU, nun, mit Corona, mehr und mehr im Inneren. 

Auch das ein Grund für das STEGREIF.orchester um den Hornisten und #bebeethoven-Fellow Juri de Marco, die Sinfonie, die in jenem Schlusschor mündet, den sich die Europäische Union zur Hymne genommen hat, einmal neu zu denken: europäisch. Beethovens Neunte als Sinfonie für einen Kontinent und für dessen Ideale. Und so hat STEGREIF neu komponiert und montiert: Das Original, eines der Signatur-Stücke der westlichen klassischen Musik, wird gekreuzt mit Klangtraditionen, die die Grenzen des Kanons und der Hör-Routine verwischen: mit Volksliedern aus den Herkunftsländern der Musiker*innen, Synkopen, Jazz, Rock, freier Improvisation. 

Die Musik lebt ihren Titel vor: „#bfree“ heißt das Stück, das in diesem Jahr das PODIUM Festival im Neckar Forum eröffnete. Frei und mutig – wie so viele der Künstler*innen, die das Festival in den nächsten Tagen präsentieren wird, darunter viele Fellows des #bebeethoven-Programms, das junge Musiker*innen präsentiert, die die Musik heute ähnlich neu denken, wie Ludwig van Beethoven das in seiner Zeit tat, mit Bewusstsein für die Tradition und Lust, diese durcheinander zu wirbeln.

In Gegenwart des Esslinger Oberbürgermeisters Jürgen Zieger, der Leiterin der Trumpf-Gruppe Dr. Nicola Leibinger-Kammüller sowie zahlreicher Mitglieder des Stiftungsrats und des Kuratoriums der PODIUM Musikstiftung präsentierte STEGREIF, wie immer ohne Dirigat und ohne Partitur, zum Auftakt ein kraftvolles und bewegendes Konzertereignis.

Auch, weil bei aller Experimentierfreude nicht die Lust am Original zu kurz kam. Die ersten Takte der 9. Sinfonie, so oft gehört, bleiben auch in der Version von STEGREIF, die mit verbundenden Augen und barfuß auf die Bühne treten, sich noch aus Stoffmasken herausschälen müssen, ein monolithischer Moment. Bewegend, wie sich aus atonaler Improvisation plötzlich eine betörende Version des Volksliedes „Kommt ein Vogel geflogen“ herausschält, wie ein Klanggewitter in einer Duett-Version des Chansons von Boris Vian „Le Déserteur“ mündet. „Bella Ciao“ und Balkan, „Der Mond ist aufgegangen“ und Choral. Wie Beethoven leitet auch STEGREIF den Abschluss berührend ein, deutet sich die Melodie der „Ode an die Freude“ mehrfach an, ehe eine Jazzfidel das Motiv aufgreift und der Chor, der in diesem Fall das Orchester selbst ist, mit einer eher demütigen als triumphierenden Version ohne Text dem Publikum einen Moment Genuß schenkt, ehe das Orchester sich in eine Klangwalze verändert, die dem altbekannte Stück eine ganz neue Seite abgewinnt.

Ja, eine Ode an die Freude. Doch wer heute von Europa spricht, kann sich nicht zurückziehen auf Schengen, den Euro und Paris-Verträge. Und so wird, in einer von beinahe militärisch dräuender Rhythmik untermalten Schrift-Choreographie, aus dem Elysium eben doch das Asylum. Und aus „hope“ ein „nope“. Am Ende steht ein leerer Stuhl auf der Bühnenrampe: Wo zuvor die überwiegend weißen Musiker*innen des Orchesters sich verletzlich den Blicken des Publikums aussetzten, liegt nun, stellvertretend für die abwesenden, selten hier wirklich umschlungenen Millionen der Menschen, die auf den umjubelten Kontinent fliehen müssen, eine golden glitzernde Wärmedecke. Das Publikum honorierte den Auftritt mit Standing Ovations.

Musikalisch herausragend und konzeptuell innovativ, mutig das Heute kommentierend und im Auftritt charismatisch – mit STEGREIF ist der Auftakt des PODIUMs exemplarisch dafür, was das Festival in Esslingen so besonders macht und von anderen Festivals im klassischen Musikbetrieb abhebt. In den nächsten Tagen folgen Auftritte etwa von Inigo Giner Miranda, Elina Albach und Kaan Bulak, die diesen Faden aufnehmen und damit die Geschichte der Gegenwartsmusik weiterspinnen.

Text: Steffen Greiner

Fotos: ⓒ Christoph Püschner

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