Foto: Sky Bürhaus 2019

Musik bedeutet uns die Welt – PODIUM Festival 2019

Wenn Musik Klang in Bewegung ist – was kann dann mit Musik bewegt werden? Wenn Musik uns bewegt – wohin bewegt sie uns dann?

Die Frage an Musiker*innen nach dem fundamentalen Sinn und Zweck des Musikschaffens führt oft zu anmaßenden, pathetischen und wohlfeilen Behauptungen. Sinnfragen sind schwierig für Menschen, die im Klang Sinn finden, die eben vor dem Dinglichen ins Ätherische geflüchtet sind. Und doch stellen sich jedem*r Musikschaffenden diese Fragen sehr ernsthaft und dringlich in der heutigen Zeit:

Woran arbeiten wir hier, wenn wir an und mit Musik arbeiten? Ist Musik nur eine schöne Flucht? Wellness für den stressgeplagten Zivilisten? Spannung und Erlösung? Innere Agitation zum Ausgleich des äußeren Neo-Biedermeier?

Wir bei PODIUM Esslingen können jedenfalls nicht anders, als das Große und Ganze sowie Kleine und Feine – also die ganze Welt! – in der Musik zu hören. Musik bedeutet uns: die Welt. Sie deutet uns die unsagbaren Oberflächen und Tiefen menschlicher Wahrnehmung. Sie ist intelligent, brillant, gütig, weise und brutal ehrlich. Sie übersteht alles – sogar hoffnungslose Versuche wie diesen, sie zu beschreiben, sie zu sakralisieren, sie zu verkitschen, ihr einen Namen zu geben. Dass wir Musiker*innen die Musik lieben, ist keine Überraschung. Aber wir müssen positive Antworten auf die Frage finden, was außer unserem Weltenrausch noch mit Musik bewirkt und erlebt werden kann.

Wenn Musik also wahr ist – wie können wir sie wahrnehmen?  

Um diese Formen und Formate der musikalischen Wahrnehmung geht es PODIUM Esslingen als junges, internationales Zentrum für Kunstmusik. Unser 11. Festival will an diesen zehn Frühlingstagen zeigen, was mit und anhand von Musik alles erlebt, erzählt und erahnt werden kann. Wir müssen uns – so scheint es – in Zeiten bröckelnder kultureller Identität wieder mehr und vielleicht anders die ganz alten Geschichten vorsingen. So geschieht es beim genre- und epochenübergreifenden ERÖFFNUNGSKONZERT, bei der OUTERNATIONAL NIGHT und bei unserer neuen Version der Bach’schen JOHANNESPASSION. Wir müssen lernen, das Altbekannte und Historische, auf dessen Boden wir kulturell und künstlerisch stehen, mit staunenden Augen, fragenden Köpfen und offenen Ohren neu zu betrachten. So geschieht es bei der Duo-Bearbeitung von Puccinis LA BOHÈME, bei TSCHAIKOWSKY IN DER WERKSTATT, bei SYNCHRONOM. Und wir müssen danach suchen, wie Musik und ihre Betrachtung Anlässe schaffen kann, dass sich Menschen begegnen und Gemeinschaften stiften, dass Dialog und Streit, aber auch Freude, schöner Götterfunken in Gemeinsamkeit stattfinden kann. Das soll beim Thementag ZUSAMMEN! HALT!, beim Symposium LOST IN BEETHOVEN und bei der ODE AN EUROPA zum Europatag geschehen. Musik soll aber auch schlicht schön sein und großen Spaß machen – wie beim STEGREIF.ORCHESTER, dem NACHTKONZERT, bei RE_PLAY und mit den BEAT MACHINES.

Wir müssen nicht so tun, als könnte Musik die Welt retten. Aber sie kann die Welt für einen Moment verzaubern. Sie kann alles einmal positiv aufladen, für das gemeinsame Menschsein energetisieren. Wir können mit Musik neue Wurzeln in der Luft schlagen. Und vielleicht ist genau dies nötig, um die Welt, wie wir sie lieben wollen, zu retten.

Steven Walter

Künstlerischer Leiter
PODIUM Esslingen

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