„Leiden Sie
unter Bluthochdruck?“

In Form einer immersiven Konzertinszenierung fragt das Projekt ZauberBurg am Beispiel des Gesundheits- und Pflegesektors, was wir als Gesellschaft bereit sind aus Solidarität und Gemeinschaftssinn zu leisten. Über eineinhalb Jahre hinweg führte das Projektteam Gespräche mit Esslinger Bürger*innen und recherchierte, was unsere Gesellschaft noch zusammenhält. 

Entstanden ist nun eine Neukomposition für neun PODIUM-Musiker*innen und das Esslinger Vocalensemble, basierend auf Interview – Transkriptionen, Ausschnitten aus Thomas Manns Roman “Der Zauberberg”, medizinischen Zeitdokumenten und persönlichen Informationen der Beteiligten. 

Mit der Verschiebung des PODIUM Festivals 2020 wird auch die Premiere von ZauberBurg voraussichtlich im Herbst 2020 nachgeholt.  

Hier erzählt der Komponist Max Andrzejewski aus seinem Arbeitsprozess und wie aus Krankenhausstatistiken Musik entstehen kann:

Meine Musik für ZauberBurg hat die unterschiedlichsten Grundlagen, die recht assoziativ und zum Teil rein abstrakt mit Thomas Manns „Zauberberg“, den darin vorkommenden Gedanken über Krankheit/Körper/Tod, unserem aktuellen Gesundheitssystem und gesellschaftlichem Zusammenhalt zu tun haben. Die Konzentration auf diese Themen haben sich für uns im Prozess der Interviews, die Regisseur Jeffrey Döring im Vorfeld mit Esslinger*innen geführt hat, herauskristallisiert. 

Dass der Krankheits- und Pflegesektor (und die unsäglichen Sparmaßnahmen in diesen Bereichen) aktuell durch Corona stärker in den Fokus der öffentlichen Debatte rücken, macht unser Thema umso brisanter, wie ich finde. Unter anderem diese Feststellung führte dazu, dass ich in den letzten Wochen meinen zunächst fassungslosen Dauerfokus auf die Nachrichten wieder auf mein künstlerisches Arbeiten lenken konnte. Das tut gut. 

Ich liege in den letzten Zügen der Kompositionen für ZauberBurg – immerhin sollten wir bereits mit den Proben begonnen haben – also: Fertig machen und rote Schleife drum (wie mein Vater sagt) – im Herbst ist der neue Termin!

Entstanden sind 11 Stücke für unterschiedliche Besetzungen, davon zwei für das Esslinger Vokalensemble. Ich möchte hier ein bisschen von meinem kompositorischen Prozess erzählen:

Für die Kompositionen von ZauberBurg habe ich verschiedenste Ansätze gewählt, die mich als Komponist herausfordern, auf neue Ideen bringen.

So habe ich beispielsweise aus Interviews mit Damen der Esslinger Sozialstation interessante und berührende Statements herausgearbeitet, diese textlich und sprachmelodisch transkribiert und das Material zu einem Chorstück verkomponiert. Diese Texte sind zu einem zentralen Stück für das Esslinger Vokalensemble geworden. 

Für ein anderes Stück habe ich Statistiken über das Krankenhauswesen in Baden-Württemberg in elektronisches Geräusch umgewandelt und dieses wiederum als Grundlage für die Komposition eines Instrumentalstücks mit Elektronik genommen. 

Es gibt ein sehr „atmendes“ Stück für Streicher, das auf immer größer werdenden Intervallen basiert und auf das Tempo des Herzschlags des Schlagzeugers gespielt wird.

Und eine recht „klassische“ Vertonung eines Textes aus Thomas Manns Zauberberg: Ein Text übers Röntgen. …

Außerdem habe ich alle bei ZauberBurg beteiligten Musiker*innen recht absurde Fragebögen über ihre Gesundheit ausfüllen lassen, die Kreuzchen der Fragebögen in Tonhöhen und Tonlängen übersetzt, daraus Leitmotive entwickelt, aus denen dann – wiederum ziemlich undogmatisch – mehrere Stücke entstanden sind. 

Mich interessiert der Prozess des „Übersetzens“: Transportiert sich eine Information auf irgendeine intuitive Art und Weise, auch wenn ich ein vollkommen „falsches“ Übersetzungsinstrument zur Hand nehme, ich also die Fragebögen oder die Krankenwesen-Statistik schlichtweg „sinnentleert“ auslese, also nicht die gegebene Information benutze  („Leiden Sie unter Bluthochdruck?“), sondern ausschließlich die Anordnung der Kreuze auf dem Papier musikalisch interpretiere? Am Ende hört man ja nicht die Information, die der Fragebogen eigentlich preisgibt. Aber die von mir gewählte Auslese-methode ist eine bewusste künstlerische Entscheidung, bei dem musikalisches Material herauskommt, das ich sonst nicht geschrieben hätte. Es hat eine ganz eigene Stringenz, die mich wiederum inspiriert, sie mit meiner ganz persönlichen „geschmacklichen Stringenz“ (wenn man denn so will) in Bezug zu setzen. Das ist ein sehr befriedigender Prozess. Als hätte jemand anderes etwas komponiert, wovon ich mir meine Lieblingsphrasen heraussuche.

Soviel als kleiner Einblick in meine unterschiedlichen kompositorischen Herangehensweisen für ZauberBurg.

Ich freue mich sehr auf die Arbeit mit den Musiker*innen und auf den Moment, wenn die Stücke in einen Kontext mit den von Jeffrey ausgewählten oder geschriebenen Texten gesetzt werden und dann endlich in Esslingen zu hören (und zu sehen) sein werden. 

So viel sei gesagt: Wenn wir schaffen was wir uns vornehmen, wird es ein immersiver, mitreißender, körperlich erfahrbarer Abend. Bleibt gesund bis dahin!

Max Andrzejewski

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