Die Kunst der Dystopie

Alexander Schubert ist der Komponist unter den #bebeethoven-Fellows, der seine Arbeit am deutlichsten durch eine Verschränkung mit multimedialen Kunstformen erweitert. Beim Konzert – oder besser gesagt: bei dem Sound- und Lichtspektakel – im Forum der Bundeskunsthalle konnte man sich am Donnerstagabend von der Intensität seiner Kunst überzeugen.

Gleich vorneweg: Konzerte von Alexander Schubert sind anstrengend. Seine Musik verursacht körperliche Reaktionen: Unwohlsein, Beklemmung, Erleichterung, Furcht, Erstaunen. An einigen Stellen sind die Reize derart durchdringend und laut, dass man den Impuls hat, sich Augen und Ohren zuzuhalten – wie gefangen in einer konzertanten Black-Mirror-Folge, ein ständiges multimediales Voll-in-die-Fresse. Doch genau diese Effekte, dieses unmittelbare Erleben, eröffnen neue Faszinationsräume bei Schuberts Kompositionen. 

Am 6. Abend der #bebeethoven Konzerte & Performances in Bonn steht die Uraufführung des Stückes „Instrumental Convergence“. Im Saal in der Bundeskunsthalle ist es stockfinster. Auf der Bühne prangen weiß umrandete Leinwände, vor denen sich Musizierende des Projektpartners Ensemble Resonanz in kalten Lichtkegeln platzieren. Eine Computerstimme gibt Befehle, scannt die Personen auf der Bühne und erschafft digitale Abbilder auf den Leinwänden. Diese Avatare speisen sich durch synthetisierten Bild- und Tondaten, aus welcher die Künstliche Intelligenz dann den digitalen Menschwerdungsprozess gestaltet. Weder die Musizierenden, noch der Komponist selbst wissen im Vorhinein, welchen Effekt diese Abbilder und deren Musik haben wird – er wird erst im Moment der Aufführung deutlich und hat an diesem Abend etwas Bedrohliches: Die Schreie, die die KI von den Musiker*innen fordert, erschüttern Mark und Bein. Bedrohlich, aber auch faszinierend – Dystopie als Kunstform. Das Publikum wird auf einen im besten Sinne immersiven Horrortrip entführt, bei dem die Technik die Kontrolle übernommen hat. Wenn die künstliche Stimme immer wieder eindringlich die Worte „further, further“, also „weiter, weiter“ von der Leinwand in den Saal raunt, wird auf schmerzhafte Weise die Unbarmherzigkeit der Algorithmen offensichtlich. Dass die kunstvollen Videoprojektionen sogar die Zeit zu einem schemenhaften Parameter ohne Struktur werden lassen, zeichnet das Gesamtbild einer multimedialen Entrückung.

Nach diesem körperlichen Erlebnis von „Instrumental Convergence“ wird ein (ganz normales!) Klavier auf die Bühne geschoben. Das Publikum reagiert auf das zweite Stück „Wiki-Piano“ mit sichtlich gelöster Erleichterung. Doch auch hier trügt der Schein. Bei wiki-piano.net handelt es sich um eine interaktive Kompositionswebsite, bei der jede*r online mitkomponieren kann – oder mal mehr, mal weniger ernsthaft. „Wiki-Piano“ ist bei keiner der bisher aufgeführten 26 Versionen gleich – insgesamt haben bisher knapp 900 User*innen an der Partitur mitgewirkt. Das Ergebnis: skurrile Textphrasen, eine wiederkehrende und reizvoll deplatziert wirkende Eurovisionsmelodie, Videos von dünn geschnittenen Wassermelonen-Scheiben oder missionierenden Mormonen. #bebeethoven Fellow Inigo Giner Miranda am Klavier fühlte sich in seiner performenden Rolle dermaßen wohl, dass dem ohnehin sehr unterhaltsamen Werk eine weitere Ebene hinzugefügt wurde. Dieses Kaleidoskop des Trash sorgte für Gelächter im Publikum. 

Das abschließende Stück dieses Konzertabends war „Scanners“. Fünf Streicher des Ensemble Resonanz platzierten sich auf einer Linie auf der Bühne. In der typischen Klangsprache von Alexander Schubert – elektronisch, rau, geräuschhaft, heftig – wurden die Musizierenden zu einer menschlichen Lichtorgel: Die durchdringenden, stroboskopartigen Lichtkegel verwandelten ihre Bewegungen in roboterhaftes Zucken.

Foto: ⓒ Christoph Püschner

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