Konzeptregen

Ein schwieriger Abend: Sturm und Starkregen gehen musikalisch auf ein Publikum nieder, das eigentlich im goldenen Sonnenlicht sitzt, während um die Ecke Häuser unter Fluten einstürzen. PODIUM beschäftigt sich mit Minimalismus, Bach und cineastischer Neo-Klassik mit dem Ausgeliefertsein gegenüber den Kräften der Natur.

Angesagt ist Regen, stattdessen leuchtet zum Einlass ein goldener Abendhimmel über dem Esslinger Münster St. Paul. Niemand redet über das Wetter, wenn es mild ist und sonnig. Dabei wäre das längst mehr als Smalltalk: Ein Konzertabend unter dem Motto „Weather“ zum Ausklang eines Tages, der geprägt war von Nachrichten, die uns erreichen aus Orten, die nur gut 300 Kilometer weiter nordwestlich liegen, Nachrichten von Extremwetterlagen, härter noch als jener Sturm, der das Dach der Stuttgarter Oper hinwegfegte, vor gut drei Wochen. Und die in den Schatten stellen, was auf der Bühne in der Kirche sich in Musik übersetzt finden wird. Kann man das machen, ein solches Konzert an einem solchen Tag? Der künstlerische Leiter von PODIUM Steven Walter findet zum Eingang die richtigen Worte, unterstreicht, welche Aufmerksamkeit dem Wetter in Zeiten des sich beschleunigenden Klimawandels gebührt und sendet empathische, solidarische Grüße an die Bevölkerung der Katastrophengebiete im Westen.

Dem Wetter Aufmerksamkeit zu schenken, war freilich stets relevant. Während heute Dürreperioden und Starkregen auf düstere Zukünfte verweisen, die sich bisweilen schon jetzt manifestieren, bedeuteten sie vor wenigen Jahrhunderten noch Hungersnöte, Seuchen und Elend. Entsprechend gibt es einen großen Kanon von Musik zu Wetterlagen. Auf das Wetter kann man zwar gut und schlecht reagieren, bewusst steuern kann man es nur begrenzt. Vielleicht auch darum inspirierte das ungemütliche Wetter mehr als der Sonnenschein Komponist*innen aller Epochen: Ob im barocken Volkslied „Es geht ein dunkel Wolk herein“, bei Robert Schumanns „Ungewitter“ oder Burt Bacharachs „Raindrops Keep Falling on My Head“ – Abschiede, Melancholie und Liebeskummer scheinen ihre äußerliche Entsprechung im sich verdüsternden Himmel zu finden.

In dieser langen Tradition stehen auch die Stücke des heutigen Abends. Recht weit zurück ging es zum Start mit Johann Sebastian Bachs „Sonate für Violine und Continuo e-Moll“, mit Elina Albach am Cembalo und Violinist Artiom Shishkov. Das Stück „SIVUNITTINNI“ der Inuk-Kehlkopf-Sängerin und Komponistin Tanya Tagaq antwortet der Alten Musik auf zeitgenössische Weise: Dem Pop vertraute Neo-Klassik, die bildlich, fast im Stil eines cineastischen Soundtracks die Wechsel des Wetters nachzeichnet. Wind bläst, Regen fällt, der Himmel bricht auf, eine eindrückliche, intuitiv zugängliche Position. Auseinandersetzungen im veränderte Lebensbedingungen thematisiert das Stück nur mittelbar, ist Tagaq doch als Aktivistin für die Rechte der Inuit in ihrer Heimat Kanada bekannt und durchaus kontrovers diskutiert: Gesetzliche Eingriffe in die traditionelle Seehundjagd thematisiert sie als rassistische Angriffe auf die Lebensweise der Inuit.

Ebenfalls dem Pop vertraut ist die Musik von Caroline Shaw. Sie arbeitete mit dem Rapper Kanye West genauso zusammen wie mit Barock-Ensembles und ist die bis dato jüngste Pulitzer-Preisträgerin für Musik. Ihr Stück „Plan & Elevation“ erscheint im Vergleich zur atmosphärischen Zeichnung Tagaqs und Bachs Barock-Seligkeit völlig abstrakt, dabei ist sie als Fortdenkerin des amerikanischen Minimalismus doch selbst über die reine Lehre Reich’scher Patternkunst längst hinweg, arbeitet hier etwa mit collagierten Fragmenten von Ravel oder Mozart. „Plan & Elevation“ findet seine Wurzeln in einer Auseinandersetzung mit der Kunst der Gartenarchitektur, die Inspiration für die einzelnen Abschnitte reicht von der geometrischen Abstraktheit barocker französischer Gärten zur Schönheit der Buche. Die fünf kurzen Kapitel beenden den ersten Teils des Abends.

Eingeleitet durch das lautes Grollen, das mit dem Donnerblech von der Orgelempore über das Publikum hinwegfährt, folgt das titelgebende „Weather One“ von Michael Gordon. Auf der Bühne im Altarraum steht nun statt dem Quartett ein Sextett in der Besetzung Johanna Ruppert, Aoife Ní Bhriain, Florian Willeitner an den Violinen, Friedemann Slenczka an der Bratsche, Stefan Hadjiev am Violoncello und Kristina Edin am Kontrabass. Michael Gordon schrieb das Stück 1997, es transportiert ein sehr heutiges Gefühl für das Ausgeliefertsein gegenüber einer Natur, die nicht für den Menschen gemacht ist, aber sehr wohl von ihm gemacht wird. Donner und Regen, gezeichnet in harten Rhythmen, springenden Melodien: Zwischen Modaler Musik und Minimalismus, Dissonanz und Popkultur spielen die Musiker*innen sich und Publikum in eine bedrohliche Flut aus Klängen. In seiner Verbindung von Unmittelbarkeit und Abstraktheit berührt Gordons Stück alle Zuhörenden im Münster.

Im Grunde genommen, auch unabhängig von der Aktualität der Wetter-Diskurse an diesem scheinbar friedlichen Sommerabend, ist „Weather“ ein Konzert, das exemplarisch stehen kann für die Arbeit von PODIUM und Steven Walter: Perfekt harmonisierende Ensembles, die so dennoch nur hier zusammenkommen, in jeweils einmaligen Konstellationen – in exakt und doch intuitiv kuratierten Abenden, bei denen Kontraste über das Naheliegende dominieren und verborgene Verbindungen zwischen Zeiten, Stilen und Konzepten sichtbar werden, die zunächst dissonant erscheinen.

Am Ende sind hier alle überrascht, dass sie trotz des grimmen Unbill der Musik trocken geblieben sind. Die Kleider kleben nicht am Leib, doch im Ohr fühlt man noch ein wenig Wasser. Dass sich der milde Esslinger Sommerabend binnen Stunden in einen regnerischen verwandeln sollte – wer weiß, vielleicht passte auch das dem scheidenden künstlerischen Leiter einfach nur gut ins Konzept?

Fotos: Christoph Püschner / Zeitenspiegel

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