Irritation im Überschwang

#bebeethoven-Fellow Elina Albach lässt in der Esslinger Stadtkirche das barocke Rom und das New York der Gegenwart aufeinandertreffen – in Auseinandersetzungen mit der musikalischen Form des Abendgebets.

Die Esslinger Stadtkirche St. Dionys gehört zu den beeindruckendsten Spielstätten des PODIUM. Der hochgotische Sakralbau, dessen Wurzeln bis mindestens ins 8. Jahrhundert reichen und dessen Schiff aus dem 13. Jahrhundert stammt, begrüßt mit seinen ungewöhnlichen ungleichen Türmen alle schon von weither. Wer zum Konzert von Elina Albach und dem Ensemble CONTINUUM nun die Kirche betritt, tritt zugleich ein in eine andere Welt: Blaues Licht im Schiff und orange ausgeleuchtete Spitzbögen, dazu ein sphärisches Vokalintro, das den Abend einleitet, noch während das Publikum Platz nimmt.

Es gehört schon Chuzpe dazu, hier etwas anderes zu spielen als die protestantischen Evergreens von Paul Gerhard, aber: Chuzpe ist schließlich das Merkmal aller Musiker*innen, die beim #bebeethoven-Projekt dabei sind. Elina Albach ist eine klassisch ausgebildete Cembalistin, ihr Schwerpunkt ist die Alte Musik – für ihr Projekt „Vespers & Dreams“ lässt sie diese jedoch auf Musik treffen, die zeitgenössisch ist, avantgardistisch, weiblich. In diesem Konzertprogramm, bei dem sie selbst Cembalo und Truhenorgel spielt, wird sie unterstützt von Vokalist*innen, einer Basso-Continuo-Gruppe mit Gambe und einer schon in ihrer Gestalt beeindruckenden Theorbe, dazu Schlagwerk, Zink, Glockenspiel, Streicher*innen – Albach steht einem großen Ensemble vor und leitet es mit ihrem Spiel an. 

Monteverdis Marienvesper steht im Zentrum dieses Abends. Claudio Monteverdi, glaubt die Musikwissenschaft, hat die Vesper-Form genutzt, die Bandbreite seiner Profanmusik abzubilden und sich für sakrale Aufträge zu empfehlen. Das ändert nichts am tief spirituellen Gehalt seiner „Vespro della Beata Vergine da concerto composta sopra canti firmi“, der Marienvesper von 1610. Die Vesper, von Lateinisch vespera, „Abend“, gehörte zu den wichtigsten Gebeten des frühen Christentums, als die abendliche Zusammenkunft der zentrale Gottesdienst der Gemeinde und der späteren Klostergemeinschaften war. Monteverdis Version, die das Konzertieren schon im Titel trägt, gehört zu einer Reihe von Vespern großer Komponist*innen: Auch Mozart, Vivaldi und Rachmaninoff schrieben in dieser Form. 

Und: Missy Mazzoli. Welche Rolle spielt Magie und Religion in der Moderne? Welche Rolle spielen gemeinschaftliche Rituale und welche Form kann Musik dafür annehmen? Diese Fragen an die Gegenwart stellte die New Yorker Komponistin, als sie ihren 2015 veröffentlichten Zyklus „Vespers for a New Dark Age“ mit dem Ensemble Victoire produzierte. Zwei Stücke also, die zwischen Profanem und Sakralen stehen, die Albach in ihrem Programm aufeinandertreffen lässt, verschränkt. 

Monteverdi wird an diesem Abend, würde es um so etwas gehen, die Oberhand behalten – deutlich ist die Korrelation von barockem Material mit barockem Instrumentarium, massiv auch die Feier der Gottesmutter gegenüber dem Tastenden, Suchenden von Mazzoli. Hätte das Konzept in anderem Rahmen vielleicht erlaubt, dem Pathos, dem Bombast des Komponisten, Vertreter eines Zeitalters der rasenden Gefühle, als unerwartete Pointe eine Gegenwart gegenüberzustellen, die ausgerechnet unser „New Dark Age“ als Epoche einer wesentlich sich selbst besser verstehenden, intimeren Innerlichkeit erscheinen ließe, bleibt „Vespers & Dreams“ im Raum der Stadtkirche – Kirchenmusik, aber eben eine in diesem Konzept dennoch innovative. 

Was nichts daran ändert, dass die Marienvesper in über 400 Jahren ihren Magnetismus nicht verloren hat, ihren Überschwang, auch ihre Zartheit. Als Kirchenkonzert funktionierte der Abend hervorragend, das Ensemble brillant, Elina Albach setzte die Effekte ihres Instruments mit höchster Effizienz. Was auch nichts daran ändert, dass Mazzolis Vespern Momente der Irritation im Wohlklang schaffen, die dem alten Stück guttun. 

Erkunden, welche Möglichkeiten im alten Instrumentarium stecken, für das das Repertoire längst geschrieben scheint, will Elina Albach. „Vespers & Dreams“ kann dabei als Zwischenbericht einer Klangforschung verstanden werden – und auch dafür steht #bebeethoven: das Unfertige, die Öffnung, das Herantasten. Und ob im Ineinanderfließen der Jahrhunderte die Klangfarbe Monteverdis auch dann dominiert, wenn in der darauffolgenden Woche in Bonn ein Ort bespielt wird, der beinahe archetypisch für die sakralen Momente des Profanen steht? Die Aula der Universität, die Weihestätte also des Tempels der Rationalitäten, wird dieses Experiment noch einmal völlig neu ablaufen lassen.

Foto: ⓒ Christoph Püschner

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