Homogenität der Vielfalt

In ihrem #bebeethoven-Fellowship begibt sich Elisa Erkelenz im Rahmen ihres Projekts ‚Outernational‘ auf die Suche nach neuen Klangwelten außerhalb der eurozentrisch geprägten Kunstmusik. „Verlernt das Hören!“, fordert sie etwa in unserem PODIUM.Podcast. Neben ihren Reportagen, die bei unserem Projektpartner VAN Magazin erscheinen sind, kuratierte sie in Bonn ein Konzert mit dem Berliner Trickster Orchestra. 

Kennt ihr die Instrumente Sheng, Koto, Kawala oder Ney? Auf der Bühne der Bundeskunsthalle waren diese, für unsere eurozentristische Instrumentenkunde, eher unbekannten Instrumente als Teil des Trickster Orchestra versammelt. Nehmen wir als Beispiel die Sheng: eine chinesische Mundorgel, die eher an die Krone eines Science-Fiction-Königs erinnert und deren Klang sich irgendwo zwischen Mundharmonika und Akkordeon bewegt, ohne obertonreichen Orgelpfeifen-Charakter vermissen zu lassen. Was für ein Gewinn an farbenreicher Klangvielfalt! Diese Erweiterung des musikalischen und klanglichen Horizontes ist genau die Intention hinter Elisa Erkelenz’ #bebeethoven-Projekt und mit dem Trickster Orchestra hat sie sich den perfekten Klangapparat für dieses Vorhaben ausgesucht. Deren größte Stärke ist es – neben des unglaublich hohen instrumentalen Niveaus eines jeden einzelnen Musizierenden –, keines der Instrumente in irgendeiner Weise „exotistisch“ in den Vordergrund zu stellen. Sie sind von vornherein ein selbstverständlicher Teil des Orchesters – eine Homogenität der Vielfalt. 

Gegründet wurde das Trickster Orchestra vor sieben Jahren von Cymin Samawatie und Ketan Bhatti, um mit Solist*innen verschiedenster Herkunft klassische Musik und zeitgenössische nicht-westliche Musik zu einer sogenannten trans-traditionellen Avantgarde zu vereinen. Die entsprechenden Kompositionen stammen hauptsächlich von Samawatie und Bhatti und so wird es möglich, dass moderne persische Gedichte von einer chinesischen Mundorgel, einer japanischen Koto und Elektronik begleitet werden. In diesen musikalischen Zusammenhängen scheinen selbst Instrumente wie Cello, Marimbaphon oder Posaune andere Klangfarben zu produzieren – der Begriff der Neuen Musik bekommt nicht nur eine andere Bedeutungsebene, auch im Publikum müssen die neuen Höreindrücke erst einmal verarbeitet und verortet werden. 

Selten hat moderne Musik das Träumen so leicht gemacht! Wenn beispielsweise Cymin Samawatie ihr Dirigentenpult verlässt, um auf Persisch zu singen, vermittelt sich eine solche Intimität und Wärme, dass es völlig nebensächlich wird, ob die Sprache verstanden, oder einem die Klangwelt vertraut vorkommt – die Musizierenden befördern dieses Erleben durch ihre spürbare Überzeugung und die große Freude beim Spielen, egal ob beim Träumen, beim Free-Jazz-Schweben oder beim Abliefern von treibenden Techno-Rhythmen. Ein höchst inspirierender Abend!

Foto: ⓒ Christoph Püschner

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