Ein Orchester verlieren, nicht das Drama

Mathias Halvorsen reduziert Opern auf das Wesentliche – im Fall von „Tosca“ heißt das: auf ein Klavier und eine Geige. Durch den Verzicht auf Schauwerte gewinnt der Klassiker in Halvorsens Adaption noch einmal an betörender Intensität. 

„The opera ain‘t over until the fat lady sings“, sagt das amerikanische Sprichwort, Bezug nehmend auf den Auftritt der Walküre in Finale von Richard Wagners „Götterdämmerung“. So gesehen ist es kein Wunder, dass das Publikum der Premiere von „Tosca“ auf der Württembergischen Landesbühne schon nach dem zweiten Akt stürmisch das Ensemble verabschiedete – in höchster Not befreite die Titelheldin sich soeben durch eine Gewalttat aus den Klauen des sadistischen Bösewichts, schon muss #bebeethoven-Fellow Mathias Halvorsen – mit halbem Fuß schon im Backstage zur Pause – noch einmal an den Bühnenrand treten und beschwichtigen: Nein, da kommt noch was, da wird noch üppiger geliebt und gestorben. Ob die Orientierungslosigkeit daher rührt, dass es in seiner Oper nicht nur keine allgewaltigen Sopranistinnen zu sehen gibt – sondern überhaupt keine Gesangsrollen? Und, nein, auch kein Orchester, sondern: Eine leere Bühne – an deren Rand nur Flügel und Violine, im Dunkel des Hintergrunds eine Leinwand für Übertitel. 

Mathias Halvorsen ist dem PODIUM-Festival seit langem verbunden – genau genommen hat er es mitbegründet. Denn PODIUM ist mehr als ein Festival in Esslingen – es ist auch ein Verbund von Festivals in ganz Europa. Und das allererste, das PODIUM-Festival im norwegischen Haugesund, war Halvorsens Idee. Doch nicht einfach die langjährige Verbundenheit des Esslinger PODIUM mit dem Pianisten ist ausschlaggebend dafür, dass Halvorsen nun Teil des #bebeethoven-Programms ist, sondern sein radikaler Mut zur Aneignung und Umdeutung von klassischem Material. Halvorsen verdreht, verwebt und verzwirbelt etwa Bach in „On Goldberg“ und Palestrina in „On Palestrina“, er spielte zusammen mit dem Punk-Pop-Star Peaches eine reduzierte Duo-Version von „Jesus Christ Superstar“ als „Peaches Christ Superstar“ und experimentiert auf seinem Label „backlash music“, das er gemeinsam mit dem Co-Fellow Johann Günther betreibt, mit neuen Aufnahmetechniken.

Die Reduktion leitet ihn auch bei seinem aktuellen Opernprojekt. Oder vielmehr: Die Verdichtung. So lange einkochen, bis die Essenz vorliegt, die reine Form. Ein ganzes Orchester verlieren, ohne das Drama anzutasten. Den ganzen Bombast von Puccini, nur eben für ausschließlich Piano und Violine. Mit seinem musikalischen Partner Mathieu van Bellen spielt er im Duo Opern des ausgehenden 19. Jahrhunderts und des beginnenden Verismo: „La Bohème“ feierte im letzten Jahr Premiere, die „Tosca“ nun in Esslingen, Verdis „Otello“ ist in Planung.

„Tosca“, uraufgeführt im Jahr 1900 und gesetzt in die politisch stürmische Zeit der Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund der Revolutionskriege, gehört zu den bekanntesten Opern überhaupt. In der Version für Piano, Violine und Übertitel-Projektionen werden Puccinis Motive für die Charaktere ebenso klar herausgearbeitet wie die Stimmungen. Die reduzierten Arrangements betonen die Intimität, die für die Handlung so entscheidend ist, musikalisch noch einmal mehr als das aufgeblasene Szenario der großen Bühne. Kein Platz hier für Heldentenöre und Pomp, dafür viel Raum für Leid und Liebe. Halvorsens „Tosca“ fühlt sich an wie ein Stummfilm ohne Film: die Musik, die Dunkelheit, die verschrifteten Dialoge. Die Zuschauer*innen sind durchaus gefordert, dranzubleiben, wenn sich das Drama mit schnellem Rhythmus zuspitzt.

Durch Halvorsens Reduktion wird die Absurdität und auch die Gestrigkeit der romantischen Oper fast wie Konzeptkunst exponiert. Nicht wenige verbindet eine Hassliebe mit der Oper – und die Kunst von Halvorsen besteht darin, eben auch diese zu verdichten. Denn: In diesem zweistündigen, betörenden Salon-Konzert schneiden dessen bekannte Motive nun umso tiefer ins Herz. Und natürlich hat man auch hier am Ende feuchte Augen.

Foto: ⓒ Ariana Zustra / Catharina Tews

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