Don Quijote und der Kampf gegen Windmühlen.

Die meisten von uns wissen es schon: Die Metalle in unseren Smartphones und Laptops stammen aus Minen in Afrika – und ihre Förderung verletzt noch immer Menschenrechte, zerstört die Natur und finanziert Waffen im Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo. Das alles scheint sehr weit weg – doch wer sich “Herkules von Lubumbashi” anschaut, stellt fest: Der Skandal steckt quasi in unserer Hosentasche! Doch keine Sorge: Das Tanztheater des kongolesischen Choreographen Dorine Mokha und des Schweizer Musikers Elia Rediger ist keine Moralpredigt – dafür haben die beiden Künstler schlicht zu viel Humor, und zu viel Idealismus.

Ein Interview von Ariana Zustra (Journalistin) und Eva-Maria Bertschy (Dramaturgin) mit Elia Rediger (Komponist & Performer) und Dorine Mokha (Choreograf & Tänzer).

Eva-Maria Bertschy: Euer Oratorium „Herkules von Lubumbashi“ handelt von Kupfer- und Kobaltminen im Süden des Kongos, von Minenarbeitern, giftigen Auffangbecken, korrupten Politikern, allmächtigen CEOs, von globalen Ungleichheiten, die das Geschäft mit den Rohstoffen hervorbringt. Was hat das alles mit euch zu tun?

Dorine Mokha: Ich bin in Lubumbashi aufgewachsen, das auch „Kupferstadt“ genannt wird. Die gesamte Stadt wurde ausschließlich wegen der Gewinnung von Rohstoffen gegründet und um diese herum gebaut. Schon als Kind wurde mir klar, dass Minen das Herzstück unseres Zusammenlebens, unseres Wohlstands, kurz: unseres Überlebens sind. Meine Eltern haben ihr ganzes Leben in den „Gécamines“ gearbeitet, einem staatlichen Bergbauunternehmen. Es beschäftigte bis zu 30.000 Arbeiter und war mit allen Lebensbereichen verbunden.

Ariana Zustra: Wie genau äußerte sich das?

Mokha: Das Unternehmen verfügte über eigene Schulen, mehrere Krankenhäuser, Freizeitclubs und sogar ein Orchester. Meine Eltern haben alle Höhen und Tiefen dieser Firma miterlebt, von der die gesamte Wirtschaft der Stadt und sogar des Landes abhing. Die Philosophie dieser Zeit: Ohne Gécamines kann man nicht leben. Das Leben der Menschen gehörte der Firma. Dieser wirtschaftliche Kontext hat unsere Sicht auf die Welt und auf den Welthandel bestimmt. Als Künstler fühle ich mich dafür verantwortlich, solche Themen anzugehen und sie zu hinterfragen in der Hoffnung, eine schrittweise Änderung vorzuschlagen, und sie nicht nur Journalisten und NGOs zu überlassen. Gleichzeitig betrifft dieses Thema nicht nur die Stadt, sondern es geht auch um meine persönliche Geschichte, meine Fragen als Künstler und Bürger!

Elia Rediger: Vor sechs Jahren hab ich wohl einen schlafenden Hund geweckt, als ich in einem Interview im Schweizer Fernsehen laut darüber nachdachte, über den Schweizer Rohstoffriesen Glencore eine Oper zu schreiben. Einen Tag später erhielt ich einen Anruf vom Pressesprecher des Unternehmens, der mich zu einem Treffen in die Lobby des Hotels Schweizerhof am Zürcher Bahnhof einlud.

Zustra: Wie lief das Treffen ab?

Rediger: Dort hat mich der Schweizer Pressesprecher erwartet, und der „Head of PR“ ist extra aus England eingeflogen. Der Schweizer lobte, seine Tochter wäre angeblich so ein großer Fan meiner damaligen Popband – und nebenher haben sie gehorcht, wie ich zu der ganzen Sache stehe, was für ich für Verbindungen in den Kongo habe. Sie haben einen Stapel Presseunterlagen mitgebracht und Sätze gesagt wie: „Wenn wir es nicht machen, machen’s die Chinesen“. Das habe ich zu einem Song im Oratorium verarbeitet!

Zustra: Wenn man eine Umfrage auf der Straße macht, würden die meisten Menschen wohl fragen: Was hat der Kongo mit mir zu tun? Das Land ist in den hiesigen Medien unterrepräsentiert, die Verstrickungen rund um Glencore sind vielen vermutlich unbekannt. Was würden Sie diesen Menschen antworten?

Rediger: Wenn wir die Verstrickungen der globalen Wirtschaft ins Auge fassen, hat unser hübsches europäisches Leben sehr viel mehr mit dem der Menschen im Kongo zu tun, als wir glauben. Als Schweizer profitiere ich von den Steuerzahlungen eines Zuger Unternehmens, das im Süden des Kongos zwei der größten Kobaltminen der Welt betreibt, die Mutanda Mine (MuMi) und die Kamoto Copper Company (KCC). In den vergangenen Jahren wurde in den Medien mehrfach über Menschenrechtsverletzungen, Umweltverschmutzung und Korruption berichtet. Dennoch wurde von staatlicher Seite nie ernsthaft untersucht, ob die Anschuldigungen stimmen. Im Kongo nicht, weil die staatlichen Institutionen entweder zu schwach oder zu korrupt sind und in der Schweiz nicht, weil sich niemand dafür zuständig fühlt.

Zustra: Wenn wir davon ausgehen, dass die Anschuldigungen stimmen, welchen Ausweg gäbe es dann für die Menschen im Kongo?

Rediger: Es ist verführerisch, darüber nachzudenken, was passieren könnte, wenn die Menschen im Kongo plötzlich für ihre Rechte einstehen und von Glencore Reparationszahlungen verlangen würden. Wir möchten in „Herkules von Lubumbashi“ das Thema ganz bewusst vereinfachen und emotionalisieren. Es scheint eine Strategie der Unternehmen und ihrer Anwälte zu sein, die Tathergänge als unfassbar komplex darzustellen, um zu verhindern, dass sie zur Verantwortung gezogen werden. Die meisten Ungerechtigkeiten sind offensichtlich und auch für alle zu verstehen.

Zustra: Herr Mokha, woran denken Sie, wenn der Name „Glencore“ fällt?

Mokha: Vor dem Projekt wusste ich wenig über Glencore, habe aber irgendwie die Konsequenzen ihres Handelns miterlebt – jetzt weiß ich zu viel (lacht)! Für die Minenarbeiter handelt es sich um ein undurchschaubares Unternehmen, die meisten von ihnen kennen die Namen der Chefs oder ihre Aktivitäten nicht im Detail. In dieser mineralreichen Region war der Lebensrhythmus immer an alle Probleme gebunden, die Unternehmen wie Glencore verursachen. Und meine Stadt Lubumbashi oder Kolwezi sind nur Beispiele.

Zustra: Ist „Herkules von Lubumbashi“ eine Geschichte über Gut und Böse, eine Art David gegen Goliath?

Rediger: Ja! Ich denke da auch an Don Quijote und den Kampf gegen Windmühlen.

Mokha: Ja – aber ohne einen Gott. Denn bei „David gegen Goliath“ bekommt David Hilfe von Gott…

Rediger: Guter Punkt!

Bertschy: Herkules ist im Kongo mindestens genauso bekannt wie in Europa für seine Heldentaten und seine brachiale Körperkraft. Er ist aber auch eine von Ehrgeiz, Eifersucht und Selbstüberschätzung geplagte Figur. Warum habt ihr euer Stück „Herkules von Lubumbashi“ genannt?

Rediger: Ich war interessiert an einer Figur, auf die man unerreichbare Erwartungen projizieren konnte. Gefangen in seiner körperlichen Stärke, unterschätzt in seiner Schlauheit, ist Herkules ein Halbgott, der alle Probleme lösen kann, die wir auf Erden scheinbar nicht in den Griff kriegen. Herkules besiegte nicht nur die Hydra und säuberte den Stall des Augias, sondern pflückte auch mithilfe von Atlas die goldenen Äpfel in den Gärten der Hesperiden, der afrikanischen Schwestern. Denkt man länger darüber nach, findet man mehr und mehr Motive, die auf der metaphorischen Ebene die Ausbeutung der Rohstoffe im Kongo verbildlichen. Herkules steht weltweit für Dinge, die stärker und größer sind als alles, was man vorher gesehen hat – meistens werden die besonders stabilen und kräftigen Modelle von Minenbaggern, Rasenmähern oder auch Fahrrädern nach ihm benannt. Herkules muss für vieles herhalten.

Mokha: Mich interessierte vor allem der zweite Teil des Titels: „Lubumbashi“, meine Stadt. Von „Herkules“ hatte ich vor langer Zeit in der Schule gehört, von seinen übermenschlichen Kräften und den Aufgaben, die er lösen musste. Mehr wusste ich darüber nicht. Als ich anfing, mich damit auseinanderzusetzen, taten sich aber immer mehr Verbindungen auf zwischen „Herkules“ und „Lubumbashi“. Mir wurde klar: Herkules gehört da hin, in meine Stadt. Sein Mythos ist mächtig und allgegenwärtig im kollektiven Unterbewusstsein. Im Kern geht es um die Darstellung von Macht und die Gestalt des Erlösers. Wer ist heute der Retter? Woher kommt seine Kraft? Von seiner Menschlichkeit? Wer gibt ihm seine Macht?

Bertschy: Ihr habt Herkules ein Oratorium gewidmet. Warum habt ihr diese Form gewählt?

Rediger: G. F. Händel begann aus Geldmangel Oratorien zu komponieren, weil er sich keine teuren Opern mehr leisten wollte. Aus der Not heraus fand er zu einer epischen Form, die der Musik mehr Raum bietet, da es weniger Handlung und Bühnenbild gibt. Das schien auch für unser Vorhaben gut zu passen. Ein Oratorium braucht keine aufwändige Inszenierung. Im Anbetracht dieser aufgeladenen Thematik ist bei uns alles auf das Nötigste reduziert, um mehr Platz für ein Verständnis durch Tanz und Musik zu schaffen. Auf der Bühne stehen Dorine und ich, die elf Musiker und eine Leinwand. Auf dieser werden Aufnahmen des Chors zu sehen sein, der in einer Mine in Lubumbashi singt, sowie notwendige Informationen, zum Beispiel Tweets oder Zahlen. Wir wollten eine leichte und direkte Show, mit der der Zuschauer einfach in den Kongo reisen kann.

Zustra: Welche Rolle spielt in eurem Stück der Tanz?

Mokha: Einer der Choreographen, die mich am meisten inspiriert haben, war Faustin Linyekula, der sich sehr für die Kulturszene im Kongo engagiert hat. Er hat sich immer als einen „raconteur d’histoires“ vorgestellt, als Tänzer und Geschichtenerzähler. Und auch wenn ich mich selbst nicht so sehen würde, interessiert mich die Idee, dass unsere Körper nicht nur tanzen und sich bewegen, sondern auch Geschichten erzählen. Mein Tanz wird bedeutungsvoller, wenn ich ihn mit anderen Künsten kombiniere, wenn ich als Tänzer anfange zu sprechen, zu schreiben. Darüber hinaus vermischen sich in „Herkules von Lubumbashi“ das Mythologische, das Biographische und das Dokumentarische, damit diese besondere Geschichte erzählt werden kann.

Bertschy: In Händels Oratorien, von denen euer Stück inspiriert ist, gab es keinen Tanz. Hier spielen nun ein Sänger und ein Tänzer gemeinsam die Hauptrollen. Was sind die Besonderheiten in der Verknüpfung von Tanz und Musik in dieser Produktion?

Rediger: Im Dorf im Kongo, in dem ich als Kind mit meinen Eltern lebte, wurden die Gemeindeversammlungen tanzend und singend abgehalten. Mein Vater hat damals Aufzeichnungen davon auf Kassette in die Schweiz mitgebracht. Diese Form des Erzählens und Debattierens hat mich inspiriert. Es gibt dort eine uralte Erzählform aus Tanz und Musik. Die Dorfleute verhandeln politische Fragen, Probleme und Vorhaben der Gemeinde, aber eben mit zusätzlichen Disziplinen. Dazu passen die Chorpassagen als gemeinschaftliche Kommentare, die in unserem Oratorium von den großartigen „Troubadours de Lubumbashi“ in einer Kobaltmine gesungen werden. Sie singen auf Swahili Choräle von Händel, Minenarbeiterlieder des kongolesischen Komponisten Joseph Kiwele, genauso wie neue Lieder, wie zum Beispiel der “Lithium-Ion Choral”.

Mokha: Im Kongo ist Tanz Teil der Sprache, des Lebens. Wir tanzen, wenn Menschen geboren werden, wenn sie sterben, wir tanzen für Politiker, für Götter, es wurde sogar schon zu Revolutionen getanzt. Was meinen eigenen Tanz betrifft, so besteht er aus verschiedenen Stilen und Inspirationen, die ich gesehen habe und die in meinem Körper als Erinnerung gespeichert sind, aus Informationen, die aus dem choreografischen Erbe Kongos und aus einer eher westlichen Sprache stammen. Ich kann nicht sagen, was für eine Art Tanz ich praktiziere – andere fassen es als “Contemporary” zusammen.

Zustra: Welche dieser unterschiedlichen Einflüsse sind in eurem „Herkules“ zu sehen?

Mokha: Für „Herkules“ möchte ich Elemente aus Tänzen und rituellen Zeremonien rund um die Minen verwenden. Ich lasse mich inspirieren von traditionellen kongolesischen Tänzen, die die Musik des Komponisten Joseph Kiwele und die Musik der Minenarbeiter begleiten. Ich werde auch einige eher barocke oder klassische Elemente verwenden, mich von einigen starken Bildern oder Statuen inspirieren lassen, die sich mir seit meiner Schulzeit ins Gedächtnis gebrannt haben. Ich befrage dabei immer wieder mein Gedächtnis: Wie sehe ich Herkules? Welche Bilder von ihm sind in meinem Kopf? Bei all dem erforsche ich eine Reihe von Elementen, die Teil dieser Erzählung sein werden.

Zustra: Welche Musik erwartet die Zuhörer?

Rediger: Wir haben mithilfe des PODIUM Festival Esslingen ein erstklassiges Orchester von Musikern aus dem Kongo und Deutschland zusammenstellen können. Die Experimentierfreudigkeit dieser Gruppe ist unwiderstehlich. Mit ihrer Hilfe erschaffen wir Klangwelten zwischen Berlin und Kinshasa, welche dieser Erzählung die nötige Atmosphäre liefern, ob für den Chor der Minenarbeiter oder einer Arie des Geschäftsführers von Glencore, der eine Pressemitteilung singt. Ich freue mich auf mitreißende Musik mit einem barockartigen „Lieto Fine“, also einem heiteren Ende, als Appell an eine bessere Zukunft.

Bertschy: Vielen fällt es schwer zu glauben, dass diese Welt in Zukunft gerechter werden könnte. Wir leben in dystopischen Zeiten, Zynismus scheint die einzige Haltung zu sein, die wir aushalten, auch wenn wir uns nach etwas anderem sehnen. Wie empfindet ihr das?

Mokha: Die Utopie gibt uns die Möglichkeit uns vorzustellen, dass nicht alles immer genau so weiter gehen muss und welche Weichen wir heute stellen könnten, damit die Zukunft anders verlaufen könnte. Es geht also immer um ein Verständnis der Gegenwart. Und die Utopie ist eben kein Traum. Mit ihr können wir aber eine mögliche Zukunft erträumen und entwerfen, auch wenn sie vielleicht nicht sehr wahrscheinlich ist. Und vielleicht schafft man damit auch Hoffnung. Obwohl ich mit dem Begriff Hoffnung nicht so viel anfangen kann, weil man im Kongo viel zu oft von Hoffnung redet, um zu verhindern, dass jemand irgendetwas unternimmt, um die Dinge mal zu verändern. Hoffen, genauso wie Glauben, heißt auch immer Stillstehen und Warten. Die Utopie kann viel mehr verändern, indem sie aufzeigt, was ich heute tun kann, während die Hoffnung einschläfernd wirkt.

Rediger: Es ist ein strukturelles Problem, dass man sich immer wie ein Naivling vorkommt, wenn man versucht, in eine bessere Zukunft zu blicken. Aber das muss man aushalten. Da hilft auch die Kunst. Ich sehe die Aufgabe des Künstlers als eines Arbeiters an der Gesellschaft, der seinen Dienst antritt. Wenn wir für sie Kunst machen wollen, müssen wir Bilder entwerfen, die die Gegenwart nicht zu denken wagt. Ich bin vom Typ her ja eher Pessimist. Deswegen muss ich mich selbst immer wieder davon überzeugen, dass es nicht kompletter Schwachsinn ist, mir eine bessere Welt vorzustellen.

Zustra: Ist „Herkules von Lubumbashi“ ein optimistisches Stück?

Rediger: Nein, ein realistisches! Oder ein postdokumentarisches.

Mokha: Ja, es ist ein realistisches Stück! Wir schlagen eine bessere Zukunft vor – mit dem Ziel, die Gegenwart zu konfrontieren.

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