Digitaler Themenmonat »Past Forward« im April

Normalerweise ist die Zeit um Ostern bei PODIUM von allgemeiner Hektik geprägt, steht doch ein Festival in den Startlöchern. Aus bekannten Gründen ist das auch diesmal etwas anders. Im letzten Jahr verschoben wir die Veranstaltungen vom Frühjahr in den Herbst, in diesem Jahr hoffnungsvoll in den Juli. Weil uns der Frühling aber verlässlich neue Kraft schenkt, besetzen wir seinen traditionellen Termin diesmal trotzdem – und virologisch völlig unbedenklich: mit einem digitalen Themenmonat.

Als Festival für Musik, die gemeinhin als »Klassik« wahrgenommen wird, stellt sich bei PODIUM Esslingen stets die Frage neu: Wie kann im Blick zurück, im Griff nach hinten, das Heute, das Neue fassbar werden? Wie kann mit vorwiegend europäischen Werken vergangener Jahrhunderte Bedeutung in der globalen Welt der Gegenwart gefunden werden? Wie kann man zurückblicken und gleichzeitig nach vorn. Oder, wie PODIUM es nennt: Wie gehen wir »PAST FORWARD«?

»Past Forward« heißt der Themenmonat, mit dem wir schon vor dem eigentlichen Festival im Juli den traditionellen Festivalzeitraum im April besetzen. Die Monteverdi-Oper »Orfeo« wird, als inoffizieller Nachfolger der gefeierten »Johannespassion«-Interpretation von Elina Albach und ihren Mitspieler*innen in ähnlich reduzierter Form neu erdacht und am 25. April im Stream aus dem Esslinger Gemeindehaus am Blarerplatz präsentiert. Diesen Höhepunkt nimmt PODIUM zum Anlass, schon am Abend vorher aus dem Kulturort Komma zu senden: Der scheidende Künstlerische Leiter Steven Walter zieht am 24. April mit Weggefährt*innen noch einmal Fazit über die vergangenen Jahre.

Denn: Past Forward, das greift Fragen auf, die das Projekt #bebeethoven stellte. Aus dem Geist Beethovens heraus wollten die 12 Fellows Werke kreieren, die das musikalisch Radikale im 21. Jahrhundert entdecken und entfachen. Wie verhält sich klassische Musik zu neuen Technologien? Wie kann unsere Arbeit Anschluss an gegenwärtige Diskurse gewinnen und diese aktiv mitgestalten?

Im Monat April blicken wir also in die Zukunft der Musik und der Kulturbranche: Mit einer Videoreihe, digitalen Events, Formaten und Konzerten – entlang von vier zentralen Themen:

Eine gute musikalische Zukunft nach Corona: Was muss dafür jetzt passieren?

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat nicht nur dafür gesorgt, dass die Spielstätten der Hoch- wie der Subkultur über Monate geschlossen bleiben müssen, dass viele Akteur*innen, sowohl auf Seiten der Organisation als auch des künstlerischen Schaffens, von Musiker*in bis Beleuchter*in, in ihrer beruflichen Existenz bedroht sind. Sondern: Es zeigten sich auch deutlich die Sollbruchstellen des Systems. Die Verquickung von freier Szene und Institutionen belastet Akteur*innen unterschiedlich stark, Förderstrukturen sind oft ungerecht und schaffen vielerorts künstlerische Monotonie, das Konzept selbstständigen künstlerischen Arbeitens ist im Denken politischer Entscheidungsträger*innen kaum präsent. Dieser Schwerpunkt betrachtet die Krise auch als Chance für einen offenen Dialog: Wie können die nun aufgetretenen Schwachstellen der gegenwärtigen Kulturpolitik produktiv angegangen werden, um Kunst und Kultur nach Corona zum Blühen zu bringen?

Musik von gestern für morgen: Kreativer Umgang mit klassischer Musik

Musiker*innen arbeiten in Kontexten von PODIUM oft mit Material, das anderen, meistens lange vergangenen Lebenswelten entstammt und nicht in vollem Klang und Farbe und Geruch, sondern als Text, als Partitur überliefert ist. Das stellt Interpret*innen vor die Frage, wie dieser Text zu lesen und neu zu beleben ist. Als Rekonstruktion, die versucht, werkgetreu die Musik so zu spielen, wie sie vermutlich die*der Komponist*in selbst gedacht hat? Mit einem historisch-kritischen Blick, die auch zeitgenössische Aufführungspraxen dazudenkt und weggeht vom stillen Publikum im Konzertsaal, wie er sich erst spät durchsetzte? Oder ganz neu: Als Material, in das sich ein*e heutige*r Künstler*in selbst einbringt, die quasi als Autor*in das Stück in jeder Aufführung neu schreibt? Dieser Schwerpunkt fasst eine der zentralen Fragen zusammen, die wir uns bei PODIUM immer wieder stellen: Wie kann klassische Musik heute aufgeführt werden?

Duette mit Maschinen: Wie Technologie die Zukunft des Musikschaffens prägt

Was eigentlich ein*e Autor*in ist, fragte sich die Kulturtheorie spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts. Das Genie, das aus sich selbst heraus Ewigkeit erschafft, wurde als Idee entmachtet: Zu groß die Rolle von Leser*in, zu groß die Rolle der gesellschaftlichen, kulturhistorischen Kontexte. Heute stellt sich die Frage noch einmal radikaler, wenn technologische Innovationen selbst zu Autor*innen von Werken werden. Ist der*die Programmierer*in schöpfend tätig, wenn eine Künstliche Intelligenz entsteht, die Werke komponiert? Erlauben Algorithmen, den historischen Bias von Notationen und Stimmung zu durchbrechen und eine tabula rasa des Musikschaffens zu schaffen? Wie ergänzen sich menschliches und mechanisches Musizieren? Ist der Einsatz von hypermoderner Technologie im gegenwärtigen Klassik-Diskurs Spielerei oder ein entscheidender Turn der Musikgeschichte? Dieser Frage folgt der zweite Themenschwerpunkt von »Past Forward«.

Musik und Subversion: Wann wird Musik politisch?

Der US-amerikanische Musiktheoretiker Ted Gioia erzählte 2019 eine alternative Musikgeschichte: eine der Musik als subversiver Kraft. Sicher, Jazz und Punk, assoziieren auch wir. Aber: Ausgehend von seinen Überlegungen diskutiert dieser Schwerpunkt, inwiefern klassische Musik heute zu einer widerständischen Kraft werden kann. Mit Gioia fragen wir, welche Kompliz*innenschaft mit Macht sich in Werken etablierter Künstler*innen zeigt, warum Außenseiter*innen die Innovation der Musik vorantreiben, welche Traditionen überlesen und welche verdrängt werden. Wann interveniert Autorität künstlerisch und verbietet Lieder? Warum sorgt politische Stabilität für musikalische Instabilität? Das Politische der Klassik ist Thema dieses Blocks.

Foto: Christoph Pueschner / Zeitenspiegel

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