ZauberBurg – ein Projekt von und mit Esslinger*innen

Der Zauber …
der Begegnung

Es regnet in Strömen und ich hetze unter dem Wolfstor hindurch Richtung Lux. Als ich dort ankomme, drängen sich Menschen an Tischen, nippen an ihrem Drink in der Bar und ihre Stimmen mengen sich zu einem unentwirrbaren Rauschen, das auf- und abwogt. In meiner Hosentasche drückt der Turmalin, ein kleiner schwarzer Halbedelstein, gegen mein Bein. Den Stein und das Wasser in meinen Schuhen habe ich von meinem Gespräch zuvor mitgenommen. Dort hatte mich der gute L. auf eine Reise in seine Familienhistorie mitgenommen. Der Stein, so meinte er, gebe Kraft also soll ich ihn doch am besten in meine Hosentasche stecken, da wo man(n) eben so Kraft braucht. Es war mein erstes Interview hier in Esslingen und schon hatte ich mich herzlichst willkommen und warm aufgenommen gefühlt. Kein Fremder mehr, der ich in dieser Stadt ja eigentlich bin. Was so ein kleiner Stein und ein Scherz doch alles bewirken können. Allerdings habe ich gar nicht so die Zeit, meinen Gedanken zu L. und was er mir erzählte, nachzuhängen, denn schon muss ich mich auf die nächste Person einstellen, die ich interviewen darf. Neuer Ort, neuer Sound, neue Story.

So begegne ich bereits seit März immer wieder Menschen in Esslingen. Ich sitze brav meine sechs bis sieben Stunden im Zug von Leipzig und spaziere dann (oder eile meistens) durch die Stadt, um Biographien und Geschichten der Einwohner*innen zu sammeln.

Wozu das Ganze? PODIUM Esslingen hat mich für ein sehr besonders Projekt angefragt namens ZauberBurg. Aus Geschichten, Anekdoten und Biographien der Esslinger*innen soll in eineinhalb Jahren eine Komposition entstehen, die im Mai 2020 als Musiktheater-Performance aufgeführt wird. Angelehnt an Thomas Manns Zauberberg suche ich also nach Menschen und deren Geschichten, die um das Thema der gesellschaftlichen Entfremdung und Gemeinschaft kreisen. Was macht eine Stadt zu einer Gemeinschaft? Wer gehört zu meinemKreis und wer nicht? Welche Begegnung mit einem Menschen hat mich so sehr in Staunen (in Verwunderung) versetzt, dass sie einen tiefen, bleibenden Eindruck in mir hinterließ? Solche und ähnliche Fragen leiten gerade meinen Weg durch die Stadt, der mehr mäandert, vor- und zurückschnellt, als geradlinig einem Ziel entgegen drängt.

Neben diesem Zusammenkommen der unterschiedlichsten Leute, deren Stimmen auf meinem Diktiergerät versammelt werden wie auf den Seiten von Manns Roman, dreht sich unser Projekt nicht zuletzt um die Esslinger Burg. Dieser riesige Bau, der über der Stadt thront, wie das Sanatorium Berghof“ über Davos bei Thomas Mann. Dieser Bau ist sozusagen die zentrale Metapher für unser Projekt ein Ort, der Menschen zusammenführt und doch dem Stadtleben entrückt ist.

Auch zwei meiner Gespräche haben mich zufälligerweise schon zu dieser Burg zurückgeführt. Denn ich bitte unsere Interviewpartner*innen stets, sich mit mir an ihrem Lieblingsort zu treffen. Unabhängig voneinander haben ein älterer Herr und zwei junge Damen mich zu eben dieser Burg eingeladen und so stapfe ich schwitzend (denn mittlerweile ist die mediterrane, süddeutsche Sonne wieder aufgetaucht) die kleine Anhöhe hinauf. Als ich das Burgtor passiere, kann ich erahnen, was die Faszination dieses Ortes ausmachen muss. Die Burgmauern umzäunen eine große Grünflache, die von der Sonne beschienen wird und den Blick auf alte, mächtige Bäume freigibt, die zu dieser Jahreszeit von blass rosa Blüten überzuckert sind. Doch weit mehr als der milde Frühlingszauber schlagen mich die Geschichten der Leute in ihren Bann, die ich hier treffe. Mir wird von halb-legalen Sommerparties auf der Burg erzählt, aber auch von der Zerstörung eines jüdischen Waisenhauses in der Progromnacht. Das ehemalige Waisenhaus liegt gleich hinter der Burg.

Noch suche ich nach dem roten Faden in all diesen Geschichten, muss auch meine eigene Position darin entdecken lernen. Aber trotz allem Mäanderns, trotz des Hin- und Hergerissen-Seins zwischen Erschreckendem und Unbeschwertem, weiß ich schon worin der Zauber dieser und anderer Wunder-OrteEsslingens liegen muss. Es sind die Menschen, die mich willkommen heißen, mir so großzügig Einblick in ihr Leben und ihre Geschichten gewähren und die diese Orte erst mit Leben füllen, bunt und lebendig machen. Meine Reise durch die Stadt und ihre Geschichten hat gerade erst begonnen und doch beginne ich, Orte bereits durch die Augen meiner Gesprächspartner*innen zu sehen. Aus Burgen werden Partyorte, aus Cafés Versammlungspunkte, aus einer Bibliothek ein Streitfall. Ich bin gespannt, wie sich mein Blick durch die folgenden Begegnungen verwandelt und verschiebt.

Ein erster Einblick in die Arbeit an ZauberBurg ist am Thementag ZUSAMMEN! HALT! am 5. Mai 2019 in drei Kellern der Webergasse in Esslingen zu erleben.

Text & Fotos: Jeffrey Döring (Regisseur von ZauberBurg)

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