Der Punk der Klassik

Zurück zu den Wurzeln von PODIUM: Einfach mal ein Abend mit Kammermusik.

Die Kammermusik, der alte Nebenbühnen-Gähner, ist der stille Gewinner der Musikgeschichte. Im allerweitesten Sinne der Definition gedeutet – notierte Musik für den nicht-geistlichen Gebrauch, die von kleinen, nicht extern dirigierten Ensembles gespielt wird, wobei jede Stimme durch nur eine*n Spieler*in besetzt ist – ist jede Pop-Punk-Cover-Schülerband Kammermusik, genau wie der weiße Dude mit Dreads, der nachts, wenn alle schlafen wollen, noch auf seiner Gitarre „No Woman No Cry“ gniedelt und dabei ’sinnlich‘ mit den Kopf wackelt, während sein zugekiffter Kumpel unbeholfen mit dem Tintenkiller auf Bücher klöppelt.

Auf die Kunstmusik übertragen, aus deren Mitte der Begriff so angewandt natürlich brutal gerissen würde, bietet die Banalität des Begriffs gerade eine Chance. Der Kammermusik wohnt durch die Abgrenzung zur Konzertmusik für große Orchester, eine Chance inne zu Spontaneität, Flexibilität, Anarchie. Die Kammermusik, die schon im frühen 20. Jahrhundert begann, sich neue Wurzeln außerhalb der Musiktraditionen der westlichen Kunstmusik zu suchen, in Volkslied, Jazz oder Polytonalitäten, ist heute der Punk der Klassik. Nur deshalb kann ein Festival wie PODIUM sich selbstbewusst die Kammermusik auf die Fahnen schreiben, nur deshalb funktioniert das Konzept. An diesem Abend führt PODIUM sich zu den Wurzeln zurück. Keine Sperenzchen, ein Streichquartett, ein stiller Saal, Intro: Ludwig van Beethoven.

„KAMMER:MUSIK“ ist natürlich viel mehr als der Abend, an dem PODIUM einfach einmal schöne Kammermusik spielt. Es ist die konzertante Vorab-Version eines Stücks, das im August in der Kölner Philharmonie Uraufführung haben wird, mit Performer*innen und experimenteller Bühnenstruktur, gemeinsam entwickelt mit der Kölner Philharmonie und gefördert im Fond Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes. Es wird um die Auflösung gehen, um eine Dekonstruktion der sicheren Klänge ins Ungewisse, aber auch der Subjekte der Tracks, an die sie sich ketten. Heute tritt das Malion Quartett aber im schlichten Raum des Saals vom Gemeindehaus am Blarerplatz auf. Alexander Jussow an der ersten, Jelena Galić an der zweiten Geige, Lilya Tymchyshyn an der Bratsche und Cellistin Bettina Kessler sind hörbar ein eingespieltes Team, das die habituellen Codes der bürgerlichen Kammermusik genauso beherrscht wie experimentelle Stücke des jungen amerikanischen Post-Minimalismus.

Das Beethoven-Intro, die Cavatina aus dem 13. Streichquartett, ist gut gesetzt, lyrisch rühren die Streicher durch melancholischen Wohlklang, ehe Caroline Shaws „Entr’acte“ die Harmonien zerlegt. Basierend auf einem Menuett Haydns, ist das Stück eine Weiterentwicklung des klassischen amerikanischen Minimalismus. Es vereint in sich sowohl die Traditionen der Kunstmusik wie der Schwarz geprägten Pop-Musik des 20. Jahrhunderts: Patterns und Flüsse, weniger akademisch als berührend, dennoch fernab des Kitsches, zeigt die Komponistin sich als späte Verwandte der Wiener Klassik mit der Säge am Stamm. Figürliches, Elegisches und Abstraktes greifen im Verlauf des Programms auch bei Stücken von Robert Schumann, John Adams und Anna Clyne ineinander über.

„Tenebre“ von Bryce Dessner fasst es vielleicht am besten zusammen: Der Komponist und Musiker der Gruppe The National, die tatsächlich eine Popmusik spielen, die auch nach konservativen Maßstäben als Kammermusik gelten kann, arbeitet sich in seinem Stück an der traditionellen liturgischen Form der Karmetten, lateinisch Tenebrae: Zelebriert in den Morgenstunden des Karfreitags in einer Kirche, die jeden Schmucks bereinigt ist, erhellt nur durch das Licht von vierzehn Kerzen, deren jede nach einem Psalm oder einer Lesung gelöscht wird, bis das Ende des Gottesdienstes in völliger Dunkelheit begangen wird. An das Ende seiner meditativ-disruptiven Tenebrae legt Dessner abstrakte Samples von Gesängen in liturgisch-spiritueller Tradition, die das Soundbild der Kammermusik aufbrechen und Elemente des Fremden, Außergewöhnlichen ins Vertraute laden – Besinnung und Verstörung in einem.

Wie sich diese Verstörung in Zusammenspiel mit der Choreographie der szenischen Version des Abends darstellt, kann mit Spannung erwartet werden, die Premiere ist am 20.08.2021. Hier blieb die Erschütterung der festen Identitäten aus. Stattdessen, wie angekündigt: Junge Kammermusik, die Wurzeln von PODIUM – Musik, wie sie auch einfach immer und immer wieder berückend funktioniert.

Fotos: Christoph Püschner / Zeitenspiegel

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