Avantgardistische Meditation

Die Zusammenarbeit der beiden #bebeethoven-Fellows Johann Günther und Mathias Halvorsen spielen in einer avantgardistischen Bearbeitung von Musik des Renaissance-Komponisten Giovanni da Palestrina mit der Wahrnehmung der Hörenden – eine Live-Komposition per Kopfhörer! 

PODIUM zu Gast in Bonn und ein weiteres Mal im Kammermusiksaal des Beethovenhauses: Auf der Bühne bei On Palestrina sind an diesem Abend die Musiker*innen Mathias Halvorsen (Klavier), Inga Margarete Aas (Kontrabass) und Jan Martin Gismervik (Schlagwerk) zu sehen. Bei diesem Konzert ist aber außerdem maßgeblich, was hinter der Bühne geschieht: Hier sitzt #bebeethoven-Fellow Johann Günther, Herr der zahlreichen auf der Bühne verteilten Mikrophone, an einem Mischpult und beeinflusst aktiv das Erleben des Publikums. Für den Tonmeister ist das Aufnehmen von Musik ein Teil des künstlerischen Prozesses. Mit Kopfhörern ausgestattet, taucht das Publikum in die Klangwelt des Abends ein. Es entsteht ungewohnte Nähe zu den einzelnen Klangfarben, Verräumlichung des musikalischen Empfindens und eine Fokussierung selbst auf scheinbar nebensächliche Geräusche. Beliebig und zufällig ist das Gehörte aber keinesfalls – durch Günthers Live-Mixing wird zielgerichtetes Hören provoziert und der Klangschöpfungs-Prozess unmittelbar erfahrbar. Selbst das Knistern eines Kolophonium-Papiers wirkt so nah wie nie. Was es zu hören gibt, ist eine eigenwillige Reduktion von Palestrina – ein Knistern, Knacken, Ploppen. Da wird auf der Kontrabass-Zarge gestrichen, während Halvorsen mit Pinseln ausgestattet nahezu in den Flügel krabbelt.

Die Wirkung von Johann Günthers Live-Mixing wird spätestens dann besonders deutlich, wenn man die Kopfhörer absetzt. Seltsam dumpf und undifferenziert wirken die Klänge dann, was aber keinesfalls bedeutet, dass sie nicht für sich selbst sprechen würden. Obwohl das Dargebotene sich zu keinem Zeitpunkt nach Renaissance-Klängen á la Palestrina anhört, ist das musikalische Material dennoch ausschließlich das des italienischen Meisters, welches aber durch die komplett neue Herangehensweise und verschiedene Spieltechniken erweitert wird – als wäre Palestrinas Musik in sich zusammengefallen und als neues Gebilde auf dem alten Fundament wieder aufgebaut worden – Musik als Architektur. Das Spiel mit dem Spannungsfeld von Stille und Klang ist dabei zentral. Musik ist eben auch dort, wo nichts zu hören ist. Dieses musikalische Innehalten, dieses fragmentarische Stop-and-Go lässt den Zuhörenden Raum für das eigene Erleben. Neugier? Befremden? Ungeduld? Oder doch eine Meditation? Besonders eindrücklich sind die entstehenden assoziativen Räume, oder Elemente die beinahe körperliche Reaktionen triggern, beispielsweise wenn die Töne des Glockenspiels den eigenen Kopf buchstäblich durchfluten. Wenn dann vermeintlich konsonante, also für unser Hören gewohnte Harmonien Palestrinas durch das neue musikalische Geflecht schimmern, wirken diese fast fremd, oder zumindest ungewohnt. 

Diese Mischung aus Avantgarde und Neo-Minimalismus haben Mathias Halvorsen und Johann Günther bereits gemeinsam aufgenommen. Sie wird auf ihrem gemeinsam gegründeten Label backlash music erhältlich sein. Dort findet sich die bereits veröffentlichte Produktion On Goldberg, die nach einem ähnlichen Prinzip anhand Johann Sebastian Bachs Goldberg Variationen konzipiert wurde.

Der radikale, aber ebenso gewissenhafte Umgang mit dem musikalischen Material und die feinfühlige Tonkonzeption im eigenen Ohr machen „On Palestrina“ zu einem Konzertmoment mit besonderer Intimität. Diese Spielfreude steht ganz im Sinne des Projekts #bebeethoven und zeigt gleichzeitig dessen Bandbreite, wenn man beispielsweise Mathias Halvorsens Projekt der instrumentalen Reduktion bekannter spätromantischer Opern (Puccinis La Bohème und Tosca) betrachtet.

Foto: ⓒ Christoph Püschner

Top
X