Alles neu macht der Mai

Die Sonne strahlt sengend herab, die Bäume blühen in einer übermäßigen Pracht und durch die geöffneten Fenster schallt Vogelgezwitscher. Es ist Frühling in Esslingen und doch gilt das „Lasst das Haus, kommt hinaus!“ wohl dieses Jahr nicht, wie es in dem von Kamps sprichwörtlich gewordenen Gedicht Alles neu macht der Mai heißt.

„Neu“ hingegen ist die Lage schon, der wir diesen Frühling entgegensehen. Das weltweit grassierende Corona-Virus legt unser gesellschaftliches Leben lahm: Boutiquen sind verwaist, Ladenregale leer gefegt und auch alle Theater, Konzerthäuser und Kulturorte geschlossen. Und so hat es auch PODIUM in diesem Jahr schwer erwischt. Eigentlich sollte ich jetzt in Esslingen sein – mich evtl. über falsch fallende Plastikplanen, von Scheinwerfern geblendete Musiker*innen oder nervöse Schauspieler Gedanken machen. Stattdessen sitze ich zuhause in Leipzig am Rechner und trauere der verschobenen Premiere nach.

Unser szenisches Konzertprojekt ZauberBurg, an dem unser Team (allen voran Komponist Max Andrzejewski, Produzentin Pamina Rottok und natürlich PODIUM-Leiter Steven Walter) und ich nun schon seit mehr als eineinhalb Jahren arbeiten, hätte am 02. Mai endlich Premiere haben sollen. Doch wie sollte man ein Konzert geben, wenn jede Versammlung von Menschen als lebensbedrohliche Gefahr gewertet wird? Jetzt liegt der neue Termin Mitte Oktober, wenn die Bäume wieder bunt werden – nur nicht von Blüten, sondern fallendem Laub. Damit verbunden sind jetzt Umbesetzungen oder terminliche Koordinationsakrobatik.

Gleichzeitig hat die Corona-Pandemie aber auch unser Thema von ZauberBurg ungemein brisant und augenscheinfällig gemacht. Als ich vor einem Jahr noch anmerkte, dass ich meine Recherchen zu diesem Projekt auf den Gesundheits- und Pflegesektor fokussieren möchte, gab es eher erstaunte Blicke. Wieso sollten sich Musikschaffende denn ausgerechnet mit dem deutschen Gesundheitswesen befassen – vor allem wenn sie alle noch unter 40 sind? Als Corona noch gar kein Thema war, bin ich in meinen Interviews in dieser mediterranen und schier dauerjugendlichen Stadt Esslingen auf die Lebensumstände von Senior*innen und chronisch Kranken aufmerksam geworden. Denn bei aller Schönheit, die die Weinberge und mittelalterlichen Gässchen mit sich bringen, sind sie mit Rollator und Rollstuhl nicht passierbar.

Überhaupt sind wir in Deutschland sehr schnell dabei, unsere Kranken und Alten in Sanatorien, Heime oder häusliche 24-Stunden-Pflege und somit aus dem Blick der öffentlichen Wahrnehmung zu verbannen. Dadurch ist uns gar nicht mehr bewusst, welch ein kapitalisierter Wirtschaftsfaktor „Gesundheit“ heutzutage geworden ist. Nur die körperliche und geistige Fitness ermöglicht uns Dauerstress auf Arbeit, finanziellen Wohlstand und Produktivität, und somit soziale Akzeptanz. All jene, die dem Slogan „für immer jung, gesund, produktiv“ nicht standhalten können, werden gesellschaftlich geächtet.

Gerade jetzt, da wir in den Medien die Debatten zur drohenden Überlastung des Gesundheitssystems mitverfolgen, wird uns erschreckend bewusst, wie sehr wir bereits unterscheiden in „produktive, wertvolle“ und „weniger wertvolle“ Leben. So wird gerade jetzt unter Covid-19 prognostiziert, dass Menschen über 80 Jahren weiter unten auf der Prioritätenliste für ein Beatmungsgerät stehen werden als Menschen Mitte 40. Der Grund dafür ist ganz simpel: die Älteren haben eine geringere Lebenserwartung, überstehen eine Fieberattacke womöglich sowieso nicht und zahlen nach einer Behandlung einfach kürzer wieder in die Krankenkassen ein als Jüngere. Menschen sind Waren in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem, deren Arbeitskraft es gewinnbringend zu verkaufen gilt.

Der Wert eines Menschen hat längst seinen humanistischen, idealen Status verloren und richtet sich heute vorwiegend nach seinem monetären Warenwert. All das klingt furchtbar deprimierend dystopisch und mehr nach dem Sciencefiction-Film „Soylent Green“ (der übrigens im Jahr 2022 angesiedelt ist).

Mit ZauberBurg wollten wir den Blick auf das lenken, was nun allerorts in den Nachrichten zu lesen, zu sehen oder zu hören ist: kaputt gespartes Pflegepersonal, überlastete Krankenhäuser, an den Rand der Wahrnehmung gedrängte Alte und Kranke. Doch die Zeit hat uns überholt und das bis dahin schlummernde Problem unseres Gesundheitssystems schmerzlich zutage gefördert. Für die Vorstellungen im Oktober wird es also nicht mehr darum gehen können, Menschen für dieses Problem zu sensibilisieren. Das sind sie mittlerweile mehr als ausreichend. Vielmehr braucht es Lösungsansätze oder humorvolle Perspektiven, die uns diese Krise erträglich machen.

Genau das können Theater und Musik im besten Falle leisten. Mehr denn je stellt sich heute die Frage, welche Rolle Kunst und Musik in solchen Krisenlagen für uns einnehmen können. Sind sie wirklich zu vernachlässigen und systemirrelevant? Oder birgt vielleicht gerade Musik die heilsame Kraft, uns in den Abgrund blicken zu lassen, und anstatt zu versinken, mit neuen Ideen und Vorstellungen zur Besserung aufzutauchen, und uns so ganz zu erneuern –  wie die Welt im Mai?

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