PODIUM ESSLINGEN
PODIUM ESSLINGEN
Forderer Logos

Visionen der Erfüllung

Ein Text von Steffen Greiner

Sehr human präsentiert sich die Ewigkeit im Eröffnungskonzert des PODIUM-Festivals in Esslingen. Ein ungewöhnlich zusammengesetztes Orchester erkundet in Stücken von Renaissance bis in die Gegenwart säkularen Wohlklang und erhabene Dissonanzen.

Der weite Klang, Soundlandschaft, abstrakte Leere mit kaum zu umschiffenden Klippen und dann, klanglich greifbar, die fruchtbare Erde irischer Hügel: inti figgis-vizuetas „talamh“, gälisch für „Land“, im Zentrum eines Abends, der der Ewigkeit gewidmet ist. Die, anders als inti figgis-vizuetas Schreibweisen, ja eigentlich nach der Versalie schreit: EWIGKEIT, mindestens mit Ausrufezeichen. Und unentrinnbar diese Landschaft durchfahrend das Publikum beim Eröffnungskonzert des PODIUM-Festivals im Kirchenschiff – die Musiker*innen des ensemble reflektor, das in diesem Jahr Gastorchester in Esslingen ist, umringen die Anwesenden und machen jede Position zu einer nicht austauschbaren. Figgis-vizuetas Stück klingt überall anders und immer anders, die Komposition überlässt es den Musiker*innen, in welcher Dauer, in welchen Tonhöhen und Klangfarben die Patterns gespielt werden, die Architekturen des Raumes spiegeln Rhythmen und Melodiefragmente. Dirigentin Friederike Scheunchen, Mitgründerin des experimentellen ensemble s c o p e, führt reflektor bravourös, transformiert das Land mit weiten Gesten.

Die Ewigkeit war immer schwer, gerade ist sie noch schwerer. Szenarien des Untergangs lassen die Zukunft als Lauf gegen eine unsagbare Deadline erscheinen, die auf das Jahr 2100 gerichtet ist: 77,5 Jahre bis zum Null, das zwei Grad Erderwärmung heißt. Das schwingt natürlich mit, wenn ein Abend so heißt. Und diese Schwere führt am Eröffnungsabend der 14. Ausgabe des Festivals zu einer bei PODIUM seltenen Konstellation: In Orchesterstärke – der Klangkörper des ensemble reflektor wird noch erweitert um die Streicher*innen des Jugendsinfonieorchester Filderstadt – und mit Dirigat tritt das Kammermusikfestival selten vor das Publikum, ein mächtiger, sublimer Sound der Größe, dem Thema angemessen. Musik zwischen den Jahrhunderten, die sich mit der Ewigkeit auseinandersetzt: Maddalena Casulana, italienische Komponistin der Spätrenaissance, ließ als erste Komponistin überhaupt ihre Werke drucken – hier sind instrumentale Versionen ihrer Madrigale als Zwischenspiele konzipiert, die in die Dissonanzen der zeitgenössischen Stücke von figgis-vizueta und Valgeir Sigurdsson intervenieren: Visionen der Erfüllung, die heute im reinen Schönklang nicht zu finden zu sein scheint.

Den Abend eröffnet der Gambist Liam Byrne mit einem berückenden Praeludium von Carl Friedrich Abel, Komponist zwischen Barock und Klassik. Ganz in Bühnennebel getaucht liegt die Kirche bei diesen ersten Klängen, einsam spielt der Musiker, bekannt als Experte für alte Musik ebenso wie als künstlerischer Partner von Pop-Legende Damon Albarn, im matt hereinbrechenden Abendlicht auf der Bühne, die sich bald mit mehr und mehr Menschen füllen wird. Der menschlichen Stimme am nächsten galt der Klang der Viola da gamba einst, und in Byrnes Spiel scheinen tatsächlich menschliche Stimmen sich zu vervielfältigen. Ein Moment von Re-Mystifikation der protestantischen Kirche, aber auch von PODIUM: eine sehr humane Ewigkeit.

Weltlicher an diesem Abend: Mit der Zusammenarbeit des Jugendorchesters der FILUM Musikschule Filderstadt mit ensemble reflektor geht PODIUM neue Wege. Professionelle Musiker*innen begegnen jungen Amateur*innen auf Augenhöhe, entdecken gemeinsam Klänge und finden sich zusammen als ein Klangkörper. Musik ist nicht passiv, Musik gehört nicht den Virtuos*innen allein, ist die Botschaft. An diesem gelungenen Abend zum Auftakt des Festivals 2022 kann dieser Anspruch als erfüllt betrachtet werden.

Fotos: Sophia Hegewald